Gewichtszunahme in der Schwangerschaft

Eigentlich sollte dieser Text davon handeln, wie stark positiv die Schwangerschaft zu meinem Körperbild beigetragen hat. Das ist auch definitiv der Fall. Nur bin ich mir einfach nicht mehr so sicher, ob ich das, was ich mir für diesen Beitrag vorgestellt habe, überhaupt guten Gewissens so sagen kann. Dass mich mein Gewicht nicht mehr kümmert zum Beispiel. Dass es mir egal ist, ob mein Körper jemals wieder so straff wird, wie vor dem Baby. So ist das wohl immer noch nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals an diesen Punkt kommen werde. Aber ich habe mit der Schwangerschaft viele Dinge über meinen Körper, besser gesagt über mich lernen können. Mein Körper ist keine Sache, die ich von mir, meinem Bewusstsein, meinem Selbst trennen kann. Und dass ich, als System, sehr gut funktioniere, wenn ich auf meine Wünsche, meine Gefühle und Bedürfnisse achte. Wenn ich mir selbst Vertrauen schenke. Denn dieses Vertrauen ist mir leider verloren gegangen. Vertrauen darauf, dass ich genau so wie ich jetzt gerade bin, liebenswert bin. Vertrauen darauf, dass ich meine Bedürfnisse ernst nehmen kann und darf, dass es nur das ist, was wirklich zählt.

Gerade in Bezug auf Essen werden wir so früh dazu gebracht unsere Bedürfnisse zu überhören, dass es kein Wunder ist, dass immer mehr Menschen ein gestörtes Essverhalten haben. Es fängt schon bei Kindern mit dem ‚du bleibst am Tisch sitzen, bis der Teller leer ist‘ an. Dazu kommen tausende Diäten und immer unterschwellig die Aussage, man sei weniger Wert, wenn man dick ist. Uns wird der Bezug zu Hunger und dem Gefühl satt zu sein einfach abtrainiert. Auf das Hungergefühl zu hören, wird einer endlosen Völlerei gleichgesetzt. Statt intuitiv zu essen, wenn man hungrig ist und aufzuhören, wenn man satt ist, werden Kalorien gezählt. Low Carb, High Carb, intermittierendes Fasten, Vegan, Paleo. Tausende Ernährungsweisen, die sich als Lebensweisheit schimpfen und am Ende für Viele doch wieder nur einen Zweck haben: abnehmen, Gewicht verlieren, schlank sein, wertvoll werden. Ich möchte keine dieser Ernährungsweisen schlecht reden. Ich selbst merke immer wieder, wie gut mir intermittierendes Fasten tun kann, wie gerne ich vegan esse und wie viel besser es mir geht, wenn ich auf Weizen und Milchprodukte verzichte. Aber für Viele ist es, glaube ich, eben nicht das Wohlbefinden, dass sie zu einer bestimmten Ernährungsweise motiviert. Für Viele ist es leider ersteres.

Dadurch, dass wir unser Essverhalten so stark regulieren und so sehr den Bezug zu diesbezüglichen Bedürfnissen verlieren, entsteht eine regelrechte Panik davor, einfach mal los zu lassen. Einfach mal Schokolade essen und nicht den Apfel, wenn man wirklich Bock drauf hat. Es ist dieses Schwarz-Weiß-Denken, was uns immer wieder das Bein stellt. Entweder ich ernähre mich gesund, oder ich bin ein fettes Schwein und ein Versager, weil ich Schokolade gegessen habe. Klar, auf seine Ernährung zu achten ist sehr wichtig und ich bin zu 100% davon überzeugt, dass man sich körperlich nur richtig gut fühlen kann, wenn man genau das tut. Aber die Unterteilung in gute und böse Lebensmittel ist so irreführend. Eine Unterteilung in dieses Lebensmittel tut mir besonders gut und dieses Lebensmittel eher nicht, finde ich passender. Und dann werden die körperlichen ‚Beschwerden‘ (Müdigkeit, Pickel, Übelkeit?), die vielleicht mit dem Verzehr von dem einen oder anderen Lebensmittel zusammenhängen, manchmal eben in Kauf genommen. Weil zu der physischen gehört eben auch immer eine psychische Komponente. Und wenn diese Komponente hin und wieder Schokolade braucht, heißt das nicht, dass die ganze Ernährungsweise jetzt hinfällig ist und man deswegen ‚versagt‘. Eigentlich führt das sogar dazu, dass man noch mehr auf seine Ernährung achtet. Weil man versteht, was man in diesem Moment genau braucht und was nicht und sich selbst in diesbezüglich Vertrauen schenkt.

Dieses Vertrauen wieder aufzubauen hat mich sehr viel Zeit gekostet. Und als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, schien es für einen kurzen Moment so, als würde ich dieses Vertrauen wieder verlieren. Weil es auf einmal eine meiner größten Ängste war zuzunehmen. Weil ich Angst hatte, danach richtig fett zu sein und nie wieder schlank werden zu können. Jetzt wo ich das aufschreibe merke ich nochmal mehr, wie absurd diese Angst ist. Das ‚wenn ich dick bin, bin ich weniger Wert‘ ist einfach noch sehr stark in meinem Kopf verankert.

Aber ich habe meinen Körper, mich selbst, während der Schwangerschaft so sehr geliebt und lieben gelernt, dass es früher oder später keine Rolle mehr spielte. In mir ist mein Sohn gewachsen. Ich habe ihn in mir spüren können, wenn er sich bewegt hat. Ich habe ihn ernährt und ich ernähre ihn immer noch. Er ist, zumindest für mich, ein Wunder. Seine bloße Existenz reicht aus, wertvoller als er kann nichts sein. Und wenn das für ihn gilt, warum sollte das nicht für jeden anderen auch gelten? 

Ich werde hier nicht schreiben, wieviel ich wiege, gewogen habe, was ich gegessen und nicht gegessen habe. Nein, hier wird nicht noch eine Anleitung zum Schlanksein entstehen. Glücklichsein und Schlanksein sind nicht dasselbe. Wohlbefinden und Schlanksein auch nicht. Das alles kann miteinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Aber es hat keinen Einfluss darauf, wie wertvoll man selbst ist. Wenn man anfängt, das zu begreifen und zu verstehen, dass der eigene Körper nicht der Feind ist, sondern nichts anderes als man selbst, ein Wunder, das uns am Leben hält, uns durch den Tag bringt, Signale empfängt und weitergibt. Wenn man das verstanden hat, wäre es absurd sich selbst kein Vertrauen entgegen zu bringen. Denn warum sollte eine Zeitschrift oder ein gut gemeinter Ratschlag von irgendjemanden besser darüber Bescheid wissen, was man selbst gerade braucht?

Und trotzdem freue ich mich darüber zu sehen, dass die Zahl auf der Waage immer weiter sinkt. Dass ich nach drei Monaten schon fast mein Ausgangsgewicht erreicht habe. Trotzdem freue ich mich, wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, dass sich die Haut an meinem Bauch langsam zurückbildet und er immer straffer wird. Widerspricht das jetzt nicht schon wieder allem, was ich gerade geschrieben habe? Ich denke nicht. Denn ich mache nichts, was ich nicht tun möchte. Ich esse das worauf ich Lust habe, aber was mir auch gut tut. Und ich hungere nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Ich gehe regelmäßig zum Sport, aber nicht um abzunehmen. Sondern weil ich weiß, wie gut ich mich danach fühle. Weil ich danach immer glücklich und ausgeglichen bin. Und es freut mich einfach zu sehen, dass diese Dinge, die ich mache um mich wohl zu fühlen, trotzdem zu ‚Resultaten‘ führen. Und zwar nicht, weil ich meinen Bauch nicht liebe, wenn er weich ist. Oder ich denke, dass ich zu ’schwer‘ bin. Sondern weil es bedeutet, dass ich damit richtig liege, dass ich selbst am Besten weiß, was gut für mich ist. Und ‚Schlanksein‘, zumindest für mich, nicht mit Restriktion gleichzusetzen ist. Sondern mit Wohlbefinden. 

2 Gedanken zu “Gewichtszunahme in der Schwangerschaft

  1. Was für ein toller Beitrag! Ehrlich und Mut machend, kritisch und feministisch zugleich. Ich find’s schön, dass es zugibst, dass dir die Gewichtszunahme ein wenig zu schaffen gemacht hat. Aber gleichzeitig daran erinnerst, dass „Glücklichsein und Schlanksein sind nicht dasselbe.“ sind. 🙂

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