Vegane Weihnachten

Leipzig, Ende November. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Sie hat mich angerufen, um ein paar organisatorische Dinge in Bezug auf die kommenden Feiertage abzuklären. Wir planen über Weihnachten zu meinen Eltern zu fahren. Dort sind gerade auch meine Großeltern, sie werden bis März bei meinen Eltern wohnen. Im Laufe dieses Gesprächs äußere ich einen Wunsch meiner Mutter gegenüber, den ich schon länger im Kopf hatte. „Mama, wollen wir Weihnachten vielleicht vegan kochen? Ich fände es richtig schön, wenn wir alle das Gleiche essen könnten. Ich weiß, Maggy würde so etwas niemals verlangen, aber ich denke sie würde sich sehr über diese Geste freuen.“ (Meine Schwester Magdalena ernährt sich seit ungefähr einem Jahr ausschließlich vegan). „Oh nein mein Schatz das geht nicht. Das geht für Oma und Opa nicht, verstehst du. Sie wollen gerne Fisch essen. Aber wir können zwei Gerichte kochen.“ „Und wenn wir es ihnen einfach nicht erzählen?“ „Nein, Mäuschen, das geht nicht“. Ausgesprochen, akzeptiert. Ich habe sowieso keine Sekunde geglaubt, dass meine Mutter zu dieser beinahe wahnwitzigen Idee ja sagen könnte. Menschen über 50 Jahren ein fleischloses Gericht schmackhaft zu machen ist in Deutschland einfach schwierig. Und ehrlich gesagt habe ich diese Aussage (im ersten Moment) auch überhaupt nicht hinterfragt. Natürlich geht es für Oma und Opa überhaupt gar nicht klar, keine tierischen Produkte an Weihnachten zu essen. Nicht auszudenken. Unzumutbar.

Moment mal.

Eine knappe Stunde später stehe ich in der Küche und bereite meinem Sohn sein Mittagessen zu. Lasse mir das Telefonat mit meiner Mutter aus irgendeinem Grund noch einmal durch den Kopf gehen. Da wird auf einmal ein Schalter umgelegt und mir wird etwas klar, was eigentlich offensichtlich ist. Auf der Hand liegt. Warum zur Hölle, sollte es für alte Menschen nicht in Ordnung sein, keine tierischen Produkte zu essen? Ich liebe meine Oma über alles. Trotzdem kann ich mir richtig gut vorstellen, wie sie in einem fleischlosen Gericht herumstochert und fragt „ist das dieses vegan?“. Der Begriff vegan an sich scheint einfach schon eine bestimmte Gruppe an Menschen auszuschließen. Vegan ist neu, jung, untraditionell. Eher etwas für alternative 20 Jährige, die die Grünen und Linken wählen. Tatoowierte oder Hippies mit Dreads. Nichts für eine 90 jährige Oma, die den Begriff vegan nicht einmal buchstabieren könnte. Kein Wunder, dass meine erste Reaktion „wir müssen ihnen ja nicht sagen, dass es vegan ist“ war. Die Vorstellung, ein veganes Gericht könnte von ihnen als für Weihnachten angebracht abgesegnet werden, ist einfach absurd. Weihnachten ist schließlich ein Fest, muss etwas besonderes sein. Dass die anderen 365 Tage auch Fleisch gegessen wird tut dabei nichts zur Sache.
Natürlich ist es unfair, das Essverhalten meiner Großeltern zu kritisieren. Immerhin haben sie den zweiten Weltkrieg miterlebt, die darauffolgende Hungersnot. Meine Großeltern gehören noch zu der Generation, für die Fleisch wirklich und wahrhaftig etwas Besonderes war. Trotzdem muss ich auch eine andere Tatsache aussprechen. Nämlich die, dass sie mehr als genug Jahre und Jahrzehnte mit Fleisch im Überfluss miterlebt haben. Sie kennen also beide Seiten. Und es ist eben zur Gewohnheit übergegangen Gerichte mit Fleisch aufzuwerten. Jetzt, wo es überall und so günstig zur Verfügung steht. Gewohnheiten zu ändern, wird mit dem Alter leider nicht leichter. Und jetzt kommen wir zu meiner Mutter. Meine Mutter, die einfach die Großeltern vorschiebt. Die Großeltern, denen es nicht zuzumuten ist, kein Fleisch an Weihnachten zu essen. Keine abwegige Reaktion ihrerseits, auch sie wird das Bild von Oma ‚ist das dieses vegan‘ im Kopf gehabt haben. Und als Schwiegertochter ist die Hemmschwelle, sich entgegen den Erwartungen der Schwiegereltern zu verhalten, verständlicherweise noch höher. Außerdem glaube ich aber, dass sie selbst nicht wirklich das Verlangen verspürt, ausgerechnet an Weihnachten auf tierische Produkte zu verzichten. Von meinem Vater möchte ich hier gar nicht erst anfangen (ein richtiger Mann braucht Fleisch).

Ich verstehe das alles. Ich verstehe es sehr gut. Ich war 7 Jahre lang vegetarisch und 1 Jahr vegan. Und jetzt bin ich es nicht mehr. Ich esse wieder Fleisch. Und ich esse es gern. Aber eben nicht immer. Sondern nur manchmal. Dafür ist meine Schwester jetzt diejenige, die komplett auf tierische Produkte verzichtet. Sie macht das für unser Klima. Und ich auch. Ich entscheide mich (zur Zeit) vielleicht nicht so oft gegen tierische Produkte wie sie, aber das heißt nicht, mein Beitrag dazu, wäre weniger Wert. Er ist auch gut. Besser als nichts. Ich bin mir sehr sicher, es wäre für die meisten Menschen kein großes Problem, hin und wieder auf tierische Produkte zu verzichten. Aber scheinbar ist ein Verzicht auf tierische Produkte nicht ohne Stigmatisierung möglich. Gerade in dieser Hinsicht ist ein schwarz weiß Denken extrem verbreitet. Es ist toll, dass manche Menschen ganz und gar auf tierische Produkte verzichten. Aber es ist auch toll, wenn die Wahl von anderen Menschen in 80% der Fälle auf etwas rein pflanzliches fällt. Denn nur, weil hin und wieder Fleisch auf dem Tisch steht, heißt das nicht, dass die anderen 80% der Tage jetzt hinfällig sind. Dass diese Tage dann weniger Wert sind.

Diese Rechnung funktioniert aber nur, wenn so viele wie möglich mitmachen. Am besten alle. Niemand müsste komplett verzichten. Und an dieser Stelle frage ich mich, warum alte Menschen automatisch aus dem Schneider sein sollten? Ihr Lieben. Weil ihr unter anderem die letzten Jahrzehnte so viel Fleisch gegessen habt, stehen wir hier. Vielleicht war es euch nicht bewusst, aber der Klimawandel ist unmittelbar auf euch zurückzuführen. Und ich finde nicht, dass man irgendwann zu alt wird, um sich um seine Mitmenschen zu kümmern. Es sind immerhin eure Enkel und Urenkel, die mit Umweltkatastrophen, Pandemien und Hungersnöten rechnen müssen. Zumindest, wenn sich nichts ändert. Und schon ein kleiner Schritt ist immerhin ein Schritt. Kleine Handlungen können große Wellen schlagen. Und wäre es nicht etwas besonderes, an Weihnachten auf tierische Produkte zu verzichten? Weihnachten, das bedeutet (für mich) Nächstenliebe. Nächstenliebe bedeutet Fehler zu verzeihen, aber auch, unseren Nachkommen eine bewohnbare Erde zu hinterlassen. Wir verzeihen euch, dass ihr den Ernst der Lage nicht erkennen konntet. Dass ihr nicht glauben konntet, dass es so schlimm ist. Helft ihr uns dabei, diesen Fehler wieder gerade zu biegen?

6 Gedanken zu “Vegane Weihnachten

  1. ich glaube, so einfach ist das mit dem Umdenken nicht und an der Stelle, an der du scheinbar mit dem Finger auf andere (uns und damit auch mich) zeigst, fällt die Bereitsschaft auf minus null…leider.
    ich beschreibe damit einfach nur, was dein Text in mir auslöst; obwohl ich ihn gern gelesen habe.

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    1. ja, diese Reaktion habe ich von dem „angegriffenen“ Personenkreis mehrfach entgegengebracht bekommen. Ist meiner Meinung nach total verständlich. Interessant, dass es bei meinen jungen Lesern auf extreme Zustimmung gestoßen ist. Ich denke viele sind die ewigen Rechtfertigungen leid, dass sie kein Fleisch essen wollen. Nein es ist nicht „nur eine Phase“ und nein es ist nicht lustig, wenn immer wieder Fleisch angeboten wird, obwohl schon drei Mal nein gesagt wurde. Ich verstehe deinen Unmut und der daraus resultierende Trotz ist eine verständliche Reaktion. Vielleicht entsteht dieser Trotz aber auch gerade aus dem Gefühl heraus, eigentlich etwas ändern zu müssen. Die anfängliche Reaktion wird verfliegen, was bleibt ist (hoffentlich) ein kleiner leiser Gedanke im Hinterkopf, der sich dann vielleicht doch hin und wieder zu Wort meldet und die Wahl auf etwas fleischloses fällt. Natürlich davon ausgegangen, es wird für gewöhnlich Fleisch gegessen. Ich verstehe auch, dass es unfair ist, „Menschen über 50“ in eine Kategorie zu stecken. Hier überspitze ich bewusst, um einen Eindruck deutlich zu machen, der dennoch Hand und Fuß hat.

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  2. Wieso über Vegan oder nicht Vegan diskutieren?

    Der, der gerne Fleisch isst und sich dessen auch bewusst ist, soll so viel Fleisch essen wie er möchte.

    Derjenige der sich lieber Vegan ernährt und sich dessen bewusst ist, soll vegan leben.

    Es wird viele Gründe für beide Seiten geben.

    Ich finde man sollte aufzeigen weshalb man sich selbst für eine Richtung entschieden hat und auf keinen Fall andere Menschen umkrempeln wollen mit Argumenten weshalb die andere Seite so schlecht ist.

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