Absurd

Ort der Grenzenlosigkeit

If sub species aeternitatis there is no reason to believe that anything matters, then that doesn´t matter either, and we can approach our absurd lives with irony instead of heroism or despair.

Thomas Nagel

Als er aufsah war sie aus seinem Blickfeld verschwunden. Weshalb wunderte er sich eigentlich auch heute noch, wie sprunghaft sie war? Er drehte sich nach rechts. Aus ein paar Metern Entfernung begann sie zu sprechen.

„Weißt du, ich habe da einen neuen Ort entdeckt. Wunderschön – ehrlich. Gibt sogar einen Jägerstand dort.“, ihre Worte wurden lauter als er ihr näherkam. Bei ihr angekommen streckte er ihr die Bilder entgegen, doch sie wollte nicht annehmen. „Behalte sie, ich hatte sie lange genug. Vielleicht bringt das ja Glück oder so etwas. Musst nur ganz fest daran glauben.“ Jetzt war er es, der zu grinsen begann.

„Wo ist dein Ort denn?“, er erwartete gar keine Antwort. Stattdessen folgte er ihr und ließ sie einfach machen.

Sie hatte untertrieben, als sie meinte der Ort sei wunderschön – er war mehr als das. Nach etwas mehr als zwanzig Minuten auf dem Fahrrad, fanden sie sich zwischen Büschen, zerfallenen Mauern und zahlreichen strahlenden Blumen wieder. Vor ihnen erstreckte sich ein kleines Tal, versteckt mitten im Wald. “Wie entdeckst du diese Orte eigentlich immer?”, statt zu antworten lächelte sie ihn einfach an. ”Ist erst der Anfang, komm mit. Wenn du rennst, geht es besser.”

Bei den ganzen Steinen und Sträuchern auf dem Weg runter ins Tal, konnte er kaum mit ihr mithalten. Wie oft war sie den Weg schon heruntergerannt? Sicher nicht oft. In seinem Kopf hörte er ihre Stimme – Weißt du? Mit diesen Orten ist das so wie mit der Musik. Wenn du dein Lieblingslied ständig hörst, die ganze Zeit in Dauerschleife. Dann hast du es nach ein paar Tagen oder Wochen satt und musst dir ein neues Lieblingslied suchen. Wenn ich jeden Ort immer nur zwei oder drei Mal besuche und weiterziehe, dann habe ich irgendwann dutzende von diesen Orten. Genau hier drin.

Unten angekommen wurde ihm langsam klar, wo sie sich befanden. Es musste früher ein Steinbruch gewesen sein. Zwischen grauen Felsbrocken, Bäumen und Büschen erstreckten sich immer wieder kleine Mauerumrisse aus rotem Gestein. Das Gras reichte ihm hier im Tal fast bis zur Brust – ab und an konnte er sie gar nicht mehr sehen. Sie verschwand dann einfach zwischen den Gräsern und Blättern oder Mauern. Scheinbar hatten sie ihr Ziel noch nicht erreicht.

Plötzlich blieb sie stehen und sah ihn an. “Du guckst ja nur auf den Boden. Klar ist auch der Weg ganz schön, aber ab und an solltest du schon auch schauen, was da so vor dir liegt.”, sachte nahm sie einen Ast der Trauerweide vor ihnen in die Hand und schob ihn zur Seite.

Ihre Augen blitzten auf, als sie seinen Blick sah. Wort- und regungslos ließ er das Bild vor ihnen auf sich wirken. Er konnte nicht anders – manchmal wurde er so überrollt von Schönheit und Ästhetik, dass er wie gefesselt war. Musik schaffte das öfter als Kunst. Aber dieser Anblick war bezaubernd. Sie wusste, das war einer der Momente, in denen Worte den Zauber brechen würden und so war auch sie still, ließ den Anblick auf ihn wirken.

Vor ihnen lag ein altes Fabrikgelände mit Behausungen für Arbeiter. Das Gebäude direkt vor ihnen war teilweise mit rostigen Zäunen umrahmt, welche selbst in sich zusammenfielen. Direkt neben der Trauerweide hatten ein paar Personen kaminrote Steine von den Mauern gesammelt und eine Feuerstelle daraus errichtet. Rundherum lagen große graue Felsbrocken, nicht wenige von ihnen mit Graffitis besprüht. Überall wuchsen Pflanzen. Bäume, Sträucher, vertrocknete oder frische Gräser und am schönsten – blau und weiß strahlende Blumen. Alles in jeglichen Größen und Formen, teilweise direkt in die Gemäuer gewachsen, sodass die Grenze zwischen Natur und Industrie verschwand.

Doch vor ihnen – auf der Fassade des kleinen Gebäudes sahen sie direkt auf eine riesige Zeichnung. Der Blick des Mannes auf dem Bild sprach Bände. Er war in sich gekehrt, ruhig. Entsetzt, so als würde er gerne etwas sagen. Zugleich aufgewühlt. Etwas Dunkles, geheimnisvolles stand in seinen Lippen. Alles gezeichnet in dutzenden Blau-, Rot- und Lilatönen. Haare und Augen schwarz. Ab und an etwas Kontrast durch weiß. Ebenso wie die Natur mit den Mauern und Gebäuden verschmolz, hatten auch die Farben keine richtigen Grenzen. Nicht zuletzt, weil sie zerlaufen waren, bevor Wind und Sonne sie trocknen konnten.

Erst als er seinen Blick von der Fassade abwandte und zu ihr herabsah, traute sie sich die Stille zu brechen. “Ich wusste, dass es dir gefällt.”

“Dieses Mal hast du dich selbst übertroffen. Aber – wo ist der Jägerstand?”, fragend blickte er um sich.

Das war ihr Stichwort. Ehe er ihr nachsehen konnte, war sie weg. Wo war sie hin? Er hörte ihre Stimme, konnte aber nicht ganz zuordnen, wo sie sich befand.

“Ich weiß du hast wahrscheinlich an was anderes gedacht, als ich gesagt hab‘, hier ist ein Jägerstand. Aber irgendwie muss ich dich ja motiviert bekommen, ohne allzu viel zu verraten.” Jetzt sah er sie doch. Er wusste noch nicht ganz, was er davon halten sollte, ob er es gut oder schlecht fand.

Dass sie augenscheinlich ab und an alleine ausprobierte auf Dächer zu steigen, weckte in ihm gemischte Gefühle. Doch da stand sie, direkt über dem Gemälde der Hausfassade auf dem Dach des Gebäudes und grinste ihn an.

“Wie bist du dort hochgekommen?” – Wortlos deutete sie auf eine Stange direkt an der Seitenwand und machte eine einladende Handbewegung. “Keine Angst, ich kann dich auch hier hochziehen… also, wenn du dich nicht traust.” Das hatte genügt, ihn soweit zu provozieren, um sich mit einem Schwung auf das Hausdach zu ziehen. “Siehst du, ist gar nicht so schwer.”, sie strahlte über ihr ganzes Gesicht.

“Und das ist jetzt dein Jägerstand? Normalerweise verdrehst du die Wahrheit, statt zu lügen,” dieses Grinsen machte ihn verrückt.

“Immer der Nase nach,” sie deutete mit ihrer Nase in die Richtung aus der sie gekommen waren. Tatsächlich, da war ein winziger brauner Fleck gerade dort, wo der Wald begann dichter zu werden. Immerhin hatte sie ihr Wort gehalten, dachte er bei sich und setzte sich neben sie an den Rand des Daches.

Sie saßen eine Weile einfach nur da und beobachteten, wie langsam die Dämmerung hinter dem Tal einsetzte. “Wie geht es ihr?”, er wusste sie würde ihn nach ihr fragen. Was sollte er antworten? Sie würde jede Lüge bemerken und was brachte es ihm schon, nicht die Wahrheit zu sagen?

“Gut.” er konnte förmlich sehen, wie er ihrem Herz einen Stich versetzte. Doch verstand sie – sie würde nicht noch einmal fragen.

Er zog sie an sich und sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust. “Weißt du, was ich am schönsten an dem Ort hier finde? Er erinnert mich daran, dass es eine Zeit vor uns gab und eine Zeit nach uns geben wird. Aber auch an das Hier und Jetzt. Irgendwie scheint das hier alles miteinander zu vereinen. Natur und Kultur. Leben und Zerfall. Vergangenheit und Zukunft. So als ob der Mann auf dem Bild ganz genau weiß, wo er sich hier befindet und jede Eigenart dieses Ortes in sich aufgenommen hat.”

Sie hatte es wieder geschafft, dass er durch ihre Worte schauderte.

„Ist dir kalt?“, als die Sonne langsam hinter dem Steinbruch verschwand, kühlte sich die Luft weiter ab. „Nein, danke. Es geht noch.“, beim sprechen richtete sie sich ein wenig auf.

Der Sonnenuntergang, die zahlreichen Blumen, Büsche, Mauern und Gesteine ergaben eine wunderschöne Farbpalette, in der sich Rot-, Blau und Lilatöne im Wechselspiel voneinander lösten, ineinander verschmolzen oder sich gegenseitig verfärbten. Es war einer dieser Momente wie aus Filmen – oder auf Instagram, wie auch immer man es sehen wollte. Dieser Moment aber gehörte nur den Beiden. Er hasste es immer und überall Bilder zu machen und sie war eine der wenigen Personen, die einfach nur genießen konnten. Ganz ohne das Bedürfnis auch nur irgendeinen Moment mit Fotos einzufangen.

Was nützt es mir? Das Leben ist flüchtig und dass wir Momente mit Bildern einfangen können ist reine Illusion. Es ist irgendwie sogar falsch oder? Ich meine, wenn ich ein Bild mit der Absicht mache Momente einzufangen, dann leugne ich doch, dass da nicht mehr ist, als ein Hier und Jetzt. Schlimmer noch – ich vergesse das Hier und Jetzt und will es schon für ein Später, ohne es je gehabt oder ausgekostet zu haben.

Du bist in der Gegenwart dann schon in der Zukunft und wenn du die Bilder irgendwann anguckst bist du da, wo du jetzt eigentlich sein solltest.

Vor seinem inneren Auge sah er sie, wie sie mit ihm auf der kleinen Terrasse ihrer Eltern saß und sie gemeinsam Wein tranken. Damals noch von Vorräten aus dem Keller geklaut, in der Hoffnung, dass niemand es bemerken würde. Das war sicher vier oder fünf Jahre her.

„An was denkst du?“, ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er landete wieder zurück auf dem Dach des kleinen Fabrikgebäudes.

„Weißt du noch damals bei deinen Eltern? Wir haben den Wein geklaut und saßen stundenlang auf der Terrasse.“, bei dem Gedanken zeichnete sich ein sanftes Lächeln auf seinem Gesicht. Statt zu antworten blickte sie nach unten ins Tal.

„Ich musste daran denken, wie Du über Bilder und das Hier und Jetzt philosophiert hast. Es hat gerade so gut gepasst. Denkst Du wir werden irgendwann all diese Momente vergessen, weil wir zu stur waren, um Fotos zu schießen?“, sanft führte er seine Finger zu ihrem Kinn, sodass sie ihren Kopf in seine Richtung beugte.

„Was tut das zur Sache?“

„Wie meinst Du das?“, er verstand nicht ganz.

„Ich habe viel mehr Angst davor, dass irgendwann alles gleich bleibt. Ich hoffe, wir werden nie aufhören Momente zu erleben, die ein Foto wert wären, ohne dass wir auch nur ein einziges schießen.“, nachdenklich blickte sie hinab ins Tal.

„Dann sind wir auf jeden Fall beschäftigt genug und müssen nicht darüber nachdenken, was da bereits alles war. Und wenn doch, woher sollen wir dann wissen, dass wir etwas vergessen haben?“, er lachte.

„Und sind wir mal ehrlich, irgendwann gerät sowieso jede Geschichte in Vergessenheit. Was bringt es dann schon, darüber nachzudenken, dass es nicht so sein soll. Das ist irgendwie sinnlos, findest du nicht?“, ihre Stimme klang ernster als sie beabsichtigt hatte. Darüber musste er einen Moment nachdenken. Was sollte er antworten, irgendwie hatte sie ja recht. Auf der anderen Seite auch vollkommen Unrecht.

„Aber gilt das dann nicht für das ganze Leben?“, er drehte seinen Kopf, um ihr in die Augen zu blicken.

„Ich verstehe nicht, was du meinst.“, jetzt war sie es, die nicht ganz folgen konnte.

Er bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen: „Wenn du sagst es macht keinen Sinn Momente festhalten zu wollen, weil sie vergänglich sind. Wenn du das so sagst, dann gilt das doch irgendwie auch für das ganze Leben. Aber ich würde nicht behaupten, dass es keinen Sinn macht zu leben, nur weil es einmal endet. Dass es endet ist ja genauso eine Tatsache. Zumal Momente alles sind, was das Leben ausmacht oder was wir überhaupt davon greifen können. All diese Momente wären dann nicht nur sinnlos, sondern auch vollkommen absurd.“

Sie lachte ein wenig in sich hinein. Er war die einzige Person in ihrem Leben, die so auf einer Wellenlänge mit ihr war.

„Du hast recht, das Leben ist absurd. Schön ist es trotzdem.“

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