Es wird ein Junge – Erwartungen an ein Geschlecht

„Es wird ein Junge!“

Noch bevor mein Baby auf die Welt kommt, werden aufgrund seines Geschlechts Erwartungen an ihn gestellt. Die Geschenke, die wir bekommen sind blau, mit Autos verziert oder mit Dinos. Das Bild, das sich sehr bald abzeichnet ist blau. Blau über Blau mit einem Hauch von Blau. Habe ich schon erwähnt, dass Blau nicht gerade zu meinen Lieblingsfarben zählt? Mich macht das ganze Blau ziemlich wütend. Trotzig fahre ich zum Baumarkt und kaufe Farbe für das Kinderzimmer: Korallenrot. Warme Farben! Ich liebe warme Farben, freundliche Farben. Blau ist kalt und abweisend. Ich möchte Liebe und Geborgenheit. 

Ich stehe im Ikea und suche nach einem Bettbezug für die Matratze des Babybetts. Es gibt genau zwei Farben zur Auswahl. Blau und Rosa. Blau ist nicht gerade meine Lieblingsfarbe. Was ist noch schlimmer als Blau? Genau, Rosa. Wobei – Rosa wäre wahrscheinlich noch in Ordnung. Das hier geht schon mehr in Richtung Pink. Ich mag Wärme. Diese Farbe versetzt mich eher in Alarmbereitschaft. 

Egal welche Anschaffung ich für das Baby machen möchte, ich werde mit zwei Farben konfrontiert: Blau und Rosa. Hin und wieder: Braun. Für die, die das Geschlecht des Babys noch nicht wissen, nehme ich an. Denn wenn das Geschlecht bekannt ist, kommt niemand auf die Idee etwas in anderen Farben, als Blau oder Rosa zu kaufen. Ist doch klar. 

Ich stelle schnell fest, dass mir „Jungskleidung“ nicht gefällt. Überall sind Autos, Traktoren oder Dinos drauf. Warum muss mein Baby ein blaues Kleidungsstück mit einem Auto tragen? Warum sollte es Autos mögen? Autos sind schmutzig. Klar, sie bringen uns einfach von A nach B. Aber ansonsten? Dass wir Menschen so viel Auto fahren ist einer der größten Faktoren, die den Klimawandel beeinflussen. Wir haben kein Auto mehr und wir wollen auch keins haben. Ich möchte meinem Kind keine Kleidungsstücke anziehen, die mit einem umweltschädlichen Konsumprodukt bedruckt sind. Nur weil mein Baby ein Junge ist, muss er Autos mögen? Und warum gibt es keine Jungskleidung mit Blumen? Finden Jungen Blumen nicht schön? Oder ist es, weil Blumen gut riechen? Und Jungs lieber stinkende Sachen mögen, wie Autos zum Beispiel? Und warum gibt es so wenig dazwischen? Blau mit Autos oder Pink mit Glitzer und Blumen?

Wenn er Autos scheiße findet, Blumen aber liebt, warum soll er dann keine Klamotten mit Blumen tragen? Weil er ein Junge ist? Nein, natürlich nicht. Aber welchen Einfluss hat es, welche Kleidungsstücke ich auswähle, bevor er sich selbst zu seinen Vorlieben äußern kann? Kleidung hilft uns, uns selbst auszudrücken. Kleidung kann unsere Persönlichkeit unterstützen. Kleidung kann uns selbstbewusster machen. Ein Statement sein. Ich möchte, dass er sich in seiner Kleidungswahl nicht eingeschränkt fühlen muss. Ich möchte, dass er alles tragen kann. Auch Kleidungsstücke, die unsere Gesellschaft als „weiblich“ definiert. Er möchte ein pinkes Kleid tragen? Kein Problem, wer wäre ich, dass ich ihm so etwas verbieten würde.

Aber trage ich nicht auch die Verantwortung, ihm auch solche Kleidungsstücke auszusuchen, solange er sich noch nicht selbst für etwas entscheiden kann? Denn woher soll er wissen, dass er auch Kleider und Röcke tragen darf, wenn ich nie ein Kleid für ihn kaufe? Suggeriere ich mit meinem Kaufverhalten nicht, dass Kleider nichts für ihn sind? Bedeutet das, dass ich ihm hin und wieder ein Kleid kaufen oder anbieten sollte, damit er weiß, dass Kleider auch eine Option sind?

Ich möchte nicht, dass mein Sohn als Junge aufwachsen muss. Ich möchte, dass er als Kind aufwächst. Er soll mit Puppen spielen oder mit Autos. Auf Bäume klettern und mit mir oder seinem Papa gemeinsam etwas kochen. Die Wäsche waschen und Nägel in die Wand schlagen. Er soll alles lernen. Und sich dann entscheiden dürfen, was er gerne mag und was nicht. Er soll lernen wie man kocht, wäscht, sauber macht. Wie man Rasen mäht, Regale aufhängt und Glühbirnen auswechselt. Er soll lernen, selbstständig einen Haushalt zu führen – ohne von irgendjemandem abhängig sein zu müssen.

Er soll wissen, dass Homosexualität normal ist, genauso wie Heterosexualität. Dass alle Menschen wertvoll sind, egal wo sie herkommen. Und er soll wissen, dass er privilegiert ist, weil er ein weißer Mann ist. Und, dass das zu einer großen Verantwortung führt. Die Verantwortung, sich für schwächere, unprivelegiertere Mitmenschen einzusetzen. 

Das sind Dinge, die ich ihm mitgeben möchte. Wie ich ihn erziehen möchte. 

Aber wieviel Einfluss habe ich überhaupt darauf? Ist es möglich ein Kind ohne Vorurteile oder Erwartungen an sein Geschlecht zu erziehen, wenn wir in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft leben?

Mädchen oder Jungen, das Geschlecht hat keinen Einfluss auf die Persönlichkeit. Wenn wir immer wieder sagen, Jungen sind wilder als Mädchen, nehmen wir das vielleicht so wahr. Es ist aber von außen auferlegt und führt dazu, dass sich Jungen, die ruhig sind, anders oder falsch fühlen. Das gleiche gilt für „wilde“ Mädchen. Das Geschlecht macht keinen Unterschied, die Gesellschaft macht ihn. 

Was bedeutet das für mich? Für meinen Sohn? Für seine Erziehung?

Das bedeutet, dass ich anfangen werde Kleidungsstücke zu kaufen, die ich hübsch finde. Egal welches Geschlecht ihnen von außen auferlegt wird. Das bedeutet, dass ich ihm beibringe, er ist schön und toll und richtig, so wie er ist. Das bedeutet, dass ich ihm beibringe, nicht über andere zu urteilen. Und, dass Menschen, die sich über ihn lustig machen, selbst verletzt sind. Dass sie es nicht besser wissen und es ihn stärker macht, zu seinen Vorlieben zu stehen. Das bedeutet, dass es mir egal ist, wenn andere Menschen mich wegen diesen Entscheidungen verurteilen. Dass ich mich für mein Kind stark mache. Ich kann ihn nicht vor allen Vorurteilen und Ungerechtigkeiten bewahren. Geschlechterrollen sind stark in unserer Gesellschaft verankert, früher oder später wird er damit konfrontiert werden. Aber ich kann ihm meine Werte mit auf den Weg geben. Vielleicht kann er sie weiter tragen. Ein Vorbild für andere werden. 

Ein Gedanke zu “Es wird ein Junge – Erwartungen an ein Geschlecht

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