Frau oder Sexobjekt? Frauen im Film

Sex. Sex sells. Sex funktioniert einfach. So wie die Farbe rot. Sex: ploppt auf und ist da. Ich habe deine Aufmerksamkeit, du kannst es nicht übersehen. Die Wirkung verfehlt nicht.  

Rot. Das Bild der Kamera zoomt ein wenig zurück. Dann stoppt es. Nahaufnahme: Lackrote Higheels, glänzend, hoch, mit dünnen Absätzen. Zierliche Fußknöchel. Leichter Schwenk nach oben. Wie in Zeitlupe fängt die Kamera den Moment ein. Langsam verschwinden erst die Highheels, dann die Knöchel. Sichtbar wird glatt rasierte Haut, fein und seidig. Zierliche Waden, dezente Knie, Oberschenkel. Es folgen lange Beine einer zierlichen und dünnen Frau, dann ihre Hüfte. Ein enganliegendes schwarzes Kleid, das gerade dort beginnt, wo die Beine enden. Die dünne Taille betont die große Brust der Frau, dessen Gesicht man fast zu sehen bekommt. Lange Haare, dünner Hals und endlich: der Ansatz ihres Kinns. Jetzt auch ihr Gesicht – das Bild ist komplett: Sexobjekt. 

Man kennt ihn, den Szenenausschnitt. So oder so ähnlich. Kleidung und Schuhe variabel, zumindest in einem vorgeschriebenen Rahmen.  Weniger aufwändig wäre es, die Frau einfach direkt voll abzubilden. Aber – wo wäre dann der Fokus? Der Fokus auf was? Auf die Frau oder auf ihre Beine? Ihre Brüste? Ihre Taille oder ihre Hüfte? Fakt ist, wenn ich in einer Bar stehe und eine Person beginnt mich von oben bis unten zu mustern, wäre mir das mehr als unangenehm. Nur ein weiterer Beweis dafür, dass Darstellungen in Filmen oft nichts mit der Realität zu tun haben. Sie sind keine Abbilder, nur Bilder. Wie es mit der Filmwelt steht, ist leider, um es sachte auszudrücken, verschoben. Weitere Worte für unsere Filmsituation wären, unverschämt, diskriminierend oder geschmacklos. Welchen Zweck hat solch eine Musterung dann, wenn sie so offensichtlich nicht der Realität entspricht? Die Antwort liegt auf der Hand: Sex. Die Filmwelt wird dominiert von aktiv und passiv, von Subjekt und Objekt – von der Male Gaze

Male Gaze, die männliche Perspektive. Eine Feministische Filmtheorie, die auf Laura Mulvey zurückgeführt werden kann. Sie handelt davon, dass Männer Filme und ihre Welten dominieren. Männer sind Regisseure, aktive Rollen und Lernende im Publikum. Was das konkret bedeutet ist, dass bei Filmemachern ein Ungleichgewicht herrscht. Filme werden erstrangig von heterosexuellen, hellhäutigen Männern gedreht und dementsprechend ist die Perspektive in Filmen genau diese. Wenn ich auf den Bildschirm gucke, sehe ich nicht das, was ich gerade sehen will, sondern das, was mir gezeigt wird: der Blick aus dem Kopf eines Mannes. Nur 7.3 Prozent (Stand 2017) aller Personen mit Regiestuhl können von sich behaupten eine Frau zu sein. Da wundert es kaum, dass sich die Male Gaze wacker hält.  

Die typischen Merkmale der Male Gaze und somit die typische Rollenverteilung in Filmen ist: Männer sind aktiv und Frauen passiv. Männer sind die Helden in der Filmwelt und bringen die Geschichte ins Rollen. Nicht selten retten sie die Firma, das Familienleben oder direkt den ganzen Planeten. James Bond schmückt sich derweilen mit seinem Bond-Girl, das natürlich nur für die Länge von einem Film mit dabei sein darf. Während James Bond inzwischen von verschiedenen Schauspielern gespielt wird, um seine Rolle aufrechtzuerhalten, ist sein Bond-Girl austauschbar. Die passive aber nett anzusehende Frau – damit ist die Rollenverteilung komplett. Frauen sind die Objekte der Filmwelt. Genauer, die Sexobjekte, geschaffen für die Begierde des Mannes. Wenn sie sich doch einmal durchsetzen will, dann natürlich nur mit pompösem Aufzug, süßem Lächeln und geheimnisvoller Stimme. Die Lippen schmollen leicht, während die Augen klimpern, um den eigenen Willen beim Mann durchzusetzen. Die letzte Instanz ist natürlich er: wer sonst außer der Mann selbst, sollte sich denn schon aktiv durchsetzen können? Die Frau jedenfalls nicht. Sie kann das eben nur indirekt und mit Umwegen über den Mann. 

Drei Fragen veranschaulichen dieses Ungleichgewicht in Filmen:  
1) Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? 
2) haben sie einen Namen? Und 
3) Sprechen sie miteinander und über etwas anderes als einen Mann? 

Das ist der sogenannte Bechdel-Test. Filme wie “Avatar”, “The Immitation Game”, “Herr der Ringe” (alle Teile) oder “Harry Potter” (letzter Teil) bestehen ihn nicht. Leider ist der Test dennoch nicht streng genug. Der Film “American Pie” beispielsweise besteht den Test aufgrund der Tatsache, dass es eine Szene gibt, in welcher zwei Frauen über Make-Up und nicht über Männer sprechen. Um auf vorhin zurückzukommen: Verschoben, unverschämt, diskriminierend und realitätsfern.  

Uns scheint nicht immer bewusst zu sein, dass nicht nur Action- und Horrorfilme Fiktion sind. Genau darin liegt das Problem: Filme, bei denen man von realitätsnähe ausgeht, wirken in besonderem Maße explosiv. Filme, in welchen wir vergessen, dass wir Filme gucken. Filme mit Abbildern von Menschen. Frauen und Männern, mit denen wir uns zwangsläufig identifizieren. Ansonsten fänden wir jeden noch so lustigen Witz nicht mehr unterhaltsam. Jede noch so mitreißende Szene würde ihre Wirkung verfehlen. Filme, in welchen eine Frau die Straße entlangläuft und dabei alle männlichen Blicke auf sich zieht, legen nahe, dass so etwas real ist. Dass es eine vollkommen legitime Reaktion auf eine Frau ist. Eine Frau, die vielleicht gerade auf dem Weg zum Supermarkt, zum Zug oder zur Uni, aber sicher nicht darauf aus ist, als Sexobjekt wahrgenommen zu werden. Auch wenn die Frauenrolle im Film das zu genießen scheint, es ist anstößig, unangenehm, unwahr. Es gibt einige Filme, die das einfangen: Frau im Büro, vielsagender Blick eines Mannes, Schwenk auf die Frau. Unbehaglicher Blick der Frau, Schwenk auf den Mann. Unbehagen der Frau usw. 

Unsere Welt wird von Medien beherrscht. Eines davon ist der Film. Hier lernen wir soziale Situationen und Kontexte kennen. Können für neunzig Minuten in die Geschichte einer krebskranken Jugendlichen, einer türkisch immigrierten Familie oder in ein Kanzleibüro eintauchen. Dinge, die wir eventuell niemals sehen werden und von denen wir gezwungenermaßen lernen. Wir haben ein angeborenes Bedürfnis nach authentischen Erlebnissen, nach Realität. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir durch Medien dieses Bedürfnis besser stillen können als in unserem echten Leben. Mit Filmen ganz besonders: Schnitt und Montage sind hier die ausschlaggebenden Stichworte. Während es im Leben derweilen auch langweilig wird, zeigt uns der Film Szene für Szene nur das Wichtigste, Spannendste. Eine Paradoxie in sich: durch das Künstlichste, das es in unserer Welt gibt (Medien), stillen wir unser Bedürfnis nach Realität und Authentizität. 

Was sagt mir das? In erster Linie macht es mich wütend. In zweiter macht es mich traurig. 

Ich bin wütend, dass wir augenscheinlich ein Ungleichgewicht haben, das mit drei so simplen Fragen auf den Punkt gebracht werden kann. Traurig, weil Frauen lernen, sich nur mit ihrem Körper statt zahlreicher anderer Kompetenzen, durchzusetzen. Wütend, weil Männer lernen, immer und überall das Steuer in der Hand haben zu müssen. Wütend und traurig, weil Frauen noch immer kaum Förderungen für die Filmproduktion bekommen, obwohl sie die Lösung sein könnten. Eine Quote von 7.3 Prozent ist nicht genug. Das ist quasi nichts. Das obwohl ebenso viele Frauen sich in dieser Branche ausbilden lassen, wie Männer. Obwohl Filme mit weiblichen Regisseuren nachgewiesen auf Filmfestivals besser ankommen. Das Ungleichgewicht ist tief verwurzelt. 

Mir gegenüber steht das Patriarchat und lacht mich hämisch aus. Wie können wir das verbessern, was so offensichtlich schiefläuft? 

Wir müssen laut werden. Diesmal auf eine stumme Weise, den Kapitalismus für unsere Zwecke nutzen. Die Netflix-Kategorie “Filme mit starker weiblicher Hauptrolle” zu nutzen kann ein erster Schritt sein. Seine Lieblingsfilme zu hinterfragen, ein zweiter. Den Bechdel-Test beliebig bei Filmen anzuwenden, ein dritter. Man kann darüber reden, die Fragen weitergeben. Kann sich wieder und wieder klarmachen, dass es nur eine Realität gibt und das ist die hier draußen. Das ist es, was zählt. Den Filmen nicht mehr die Macht geben, dass wir ihnen blind folgen. Ich habe den Mechanismus aufgedeckt, die Rollen aufgezeigt. Jetzt liegt es an dir, ob du das nächste Mal beim Filmegucken bewusst wahrnimmst, wie Männer auf Frauen reagieren. Wer in welchen Situationen wie handelt.  

Was ist es, das du siehst? Ein Abbild oder doch nur ein Bild? 

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