Ich wurde rassistisch geboren

Mein Name ist Magdalena Heckner. Ich bin 21 Jahre alt, Studentin. Ich treibe für mein Leben gerne Kraftsport, bin musikalisch. Und ich bin weiß.

Mir ist bewusst, dass das bedeutet, dass ich zu einigen Gruppen gehöre. Zu der Generation Z, den Digital Natives, zu den (Kraft-)Sportler*innen, zu Student*innen, Musiker*innen. Und zu Rassist*innen. Ersteres und letzteres sind Gruppen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Wann und als was ich geboren wurde, ist von Faktoren abhängig, die außerhalb meines Einflussbereichs liegen.

Wenn ich mich als weiß bezeichne, ist das ein Analysebegriff. Damit beschreibt die Wissenschaft von Rassismus und Diskriminierung eine Gruppe privilegierter Menschen, welche sich oft nicht bewusst ist, dass sie eine Gruppe sind.

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung, an der ich nicht bewusst teilnehme. Dennoch nehme ich an ihr teil: Ich bin weiß. Und weil ich weiß bin, wurde ich rassistisch geboren. Das liegt daran, dass Rassismus mehr als Diskriminierung ist: es ist ein System. Jedes System hat Regeln und Normen. Es gibt Personen in diesem System und diese Regeln können nur gebrochen werden, wenn man sie sichtbar macht. Mir ist klar, dass jeder Mensch diskriminiert werden kann. Aber auch, dass nicht jeder Mensch von Rassismus betroffen sein kann. Weiße Menschen sind von dieser Form der Diskriminierung ausgeschlossen, weil der weiße Mensch immer als überlegen verstanden wird. Wenn ich als weiße Frau also behaupte, zu wissen, was Rassismus ist, weil ich Erfahrungen mit Sexismus habe, ist das falsch. Wenn ich als weiße Frau behaupte, zu wissen, was Rassismus ist, weil ich schon mal in Asien war und aufgrund meiner Hautfarbe anders behandelt wurde, ist das auch falsch. Es ist immer falsch, ich werde nie wissen, wie es ist. Emotionale Nachvollziehbarkeit wird nie Teil meiner Erfahrung sein. Weil ich weiß geboren wurde. Weil ich rassistisch geboren wurde.

Während emotionale Nachvollziehbarkeit nie Teil meines Lebens sein wird, ist rationale Nachvollziehbarkeit sehr wohl möglich. Wo setze ich sie an?

Selbstverständlich kann ich zu beliebigen von Rassismus betroffenen Personen gehen und sie fragen, was für sie rassistisch ist. Das ist aber selbst schon eine Form von Rassismus. Stattdessen möchte ich Rassismus als Wissenschaft und System verstehen. Wenn ich mehr über Rassismus erfahre und meine Defizite in Haltung und Handlung ausbauen möchte, sollte ich auf Expert*innen in dieser Wissenschaft zurückgreifen. Wenn ich Zahnschmerzen habe, besuche ich ja auch meine Zahnärztin und nicht ihre Tochter. Ich kann also Bücher dieser Expert*innen lesen, ich kann mir Podcasts anhören, Interviews, Videos ansehen. Mir Wissen in dieser Wissenschaft aneignen, um rational nachzuvollziehen und zu lernen. Meine bisherigen Handlungen überdenken und verändern: Das funktioniert nur, wenn ich verstehe, wie. Wenn das System verändert werden soll, muss jeder bei sich selbst beginnen, sich zum Rassismus bekennen. Das ist keine Schuldzuweisung. In einem System, das es so lange schon gibt, sind Schuldzuweisungen in solchen Fällen wenig sinnvoll. Deshalb ist es aber auch nicht sinnvoll als weiße Person “Ich bin definitiv nicht rassistisch!”, zu sagen. Oder es als Beleidigung aufzufassen, wenn BPoCs (Black&People of Color) darauf hinweisen, dass man rassistisch gehandelt hat. Selbstverständlich wollte man in diesem Moment nicht rassistisch sein, verletzend (und rassistisch!) war es dennoch. Entschuldigungen sind angebracht, Rechtfertigungen nicht. Ich habe einen Bekannten, der ständig sexistische Kommentare macht. Laut seinen männlichen Freunden, sei er aber eigentlich total nett und meine das alles ja auch gar nicht so. Na und? Sexistisch ist er trotzdem. Auch dann, wenn es nicht so gemeint ist. Dasselbe gilt für Rassismus.

Es ist keine Beleidigung, wenn man mir sagt, ich sei rassistisch geboren worden. Weil das ein Ausdruck von einem System ist, das über eine einzelne Person hinausgeht. Ich positioniere mich in diesem System und führe mir vor Augen, dass jede meiner Handlungen dieses System stützt oder ins Wanken bringt. Ich hasse dieses System, weil ich es unfair finde. Weil es widerlich ist, wenn Identitäten unterdrückt werden. Weil Rassismus noch viel mehr als Identitätsunterdrückung ist. Weil es nicht fassbar ist, was bis heute täglich aufgrund von Rassismus passiert. Wenn ich Teil der Lösung sein kann, weil ich anerkenne, dass ich rassistisch bin – aus dem einfachen Grund, dass ich weiß bin – dann will ich auch Teil dieser Lösung sein. Ich habe meine Position in diesem System angenommen und lerne bis heute jeden Tag dazu. Ich kann nicht aus dem System heraus, wie jeder andere Mensch auch.

Wenn du weiß bist, wurdest du rassistisch geboren. Welcher Seite möchtest du dich anschließen? Der Seite, die diskriminiert?

Oder möchtest du deine eigenen Privilegien anerkennen, von BPoCs lernen, ihnen zuhören. Deine Privilegien dazu nutzen, ihnen Gehör zu verschaffen, so dass kein Raum mehr für Rassismus bleibt.

Quelle:

Podcast, Louisa Dellert „Kulturelle Aneignung: Was ist das?“ Interview mit Natasha A. Kelly (2021)

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