Schönheitsmakel und Kapitalismus? – Ein Gedankenspiel

Ein Makel ist ein eindeutiger Hinweis auf eine Unreinheit: Eine von der Norm abweichende Eigenschaft oder ein Fehler. Schönheit ist eine spezifische ästhetische Eigenschaft, beispielsweise Symmetrie in Gesichtern. 
Stimmt das? Kann man Schönheit an bestimmten Eigenschaften festmachen und alles, was davon abweicht, ist ein Schönheitsmakel?

Wenn ich an Schönheitsmakel denke, denke ich an Cellulite, Körperfett, Poren, Akne, Falten, Dehnungsstreifen, Körperbehaarung – die Liste könnte ewig weitergehen. Ihr Titel wäre dann wahrscheinlich: natürliche menschliche Körper. Aber was steckt dahinter? Warum ist nichts schön, was naturgegeben ist? Wer bestimmt, was ein Schönheitsmakel ist?

Schönheitsindustrie: Schönheit ist eine Branche – ein Wirtschafts- oder Geschäftszweig. Und wenn Schönheit eine Branche ist, heißt das, dass mit Schönheit Kapital gemacht wird.
Schön und gut, werden sich jetzt einige denken. Aber was bedeutet das für mich und meine Makel? Das bedeutet, dass die Schönheitsindustrie an deinen Makeln Geld verdient. Sie bietet Produkte und Dienstleistungen an, die versprechen, deine Makel zu beheben. Aber meine Makel waren doch schon vor dem Produkt da. Oder nicht? 
Die Makel waren vorher da. Nur, dass es keine Makel waren. Es waren einfach Teile deines Körpers, deiner Optik. Teile deines Selbst. Durch die Bezeichnung „Makel“ werden sie von dir abgetrennt. Sie gehören nicht mehr zu dir. Sind wie eine nervige Begleitperson, die man irgendwie loswerden möchte, indem man unzählige Cremes darauf schmiert. 
Schönheitsideale entstehen, weil unzählige Menschen eine bestimmte Eigenschaft oder Merkmale schön finden und andere nicht. Und das, was alle nicht schön finden, ist eben ein Makel.

Nur – woher wissen wir eigentlich, was unzählige Menschen schön finden? Ich denke nicht, dass darüber regelmäßige Studien erhoben werden. Wir wissen es, wenn wir die Website eines beliebigen Modelabels aufsuchen und uns die Models anschauen. Wir wissen es, wenn wir den Fernseher einschalten und uns in der Werbung erklärt wird, wie wir unsere Pickel oder Falten loswerden können. Wir wissen es, wenn wir ins Fitnessstudio gehen und uns Trainer:innen erklären, wie wir am besten unser Cellulite loswerden können. Wir wissen, welche Menschen nach gesellschaftlicher Norm schön sind und welche nicht. Wir wissen es, ohne dass es uns jemand extra erklären muss, weil wir pausenlos damit konfrontiert werden. Und wenn wir unsere Cellulite nicht loswerden können, was passiert dann? Mehr Training, mehr Produkte? Teure Massagen und Laserbehandlungen? Oder die totale Resignation. Der Selbsthass. Ich bin nicht genug. Ich bin hässlich. Ich habe Makel, muss mich und sie verstecken. 

Und die eine Frage, die sich mir stellt: Gibt es makellose Menschen? Ich habe noch keinen kennengelernt. Sind wir dazu verdammt, uns selbst zu hassen? Oder in einem ewigen Kreislauf Produkte zu kaufen, die unsere Makel beheben sollen, es aber nicht können? Denn wenn es so ist, und kein Mensch makellos ist, warum gibt es Makel dann überhaupt?

Die Antwort muss einen andere Ursprung, als Schönheit an sich haben. Könnte es vielleicht am System liegen? 
Welches System?
Unser Gesellschaftssystem. Das System, das unser Leben strukturiert, es ausmacht. Das System, das sich ganz leicht auf ein Wort reduzieren lässt: Kapitalismus.
Kapitalismus?
Kapitalismus ist „eine Form der Wirtschaft und Gesellschaft auf der Grundlage des freien Wettbewerbs und des Strebens nach Kapitalbesitz des Einzelnen“.

Freier Wettbewerb mit dem Ziel des größten Kapitalbesitzes des Einzelnen. Was im Klartext bedeutet: Gebt mir euer Geld. Es ist mir egal, über wieviele Leichen ich gehen muss, Hauptsache am Ende bin ich reich. Geld ist geil! So viel Gewinn wie möglich kann man nur erreichen, wenn man andere dafür ausbeutet. Deshalb haben wir in Deutschland auch die soziale Marktwirtschaft. Der Staat kann in den Kapitalismus eingreifen und beispielsweise dafür sorgen, dass Arbeitenden ein Mindestlohn bezahlt wird.

Der Staat ist aber auch ganz gut dabei, die Augen zu verschließen, wenn polnische Gastarbeiter ausgebeutet werden. Oder, wenn Modelabel in Asien unter Sklaverei ähnelnden Umständen produzieren, um alles nach Europa zu schiffen. Das ist Ausbeutung im großen Stil.
Dir immer wieder zu suggerieren, du bist nicht genug, wie du bist, du hast Makel, natürliche Körper sind unnatürlich, abnormal, erkaufe dir deine Schönheit, „Nichts ist umsonst“, ist Ausbeutung im kleinen Stil. Aber so funktioniert Kapitalismus eben. Geld kommt nicht von irgendwoher.

Also – was bedeutet das für mich und meine Makel? Es bedeutet, dass ich keine Makel habe. Es bedeutet, dass ich meine Falten mit Stolz trage. Dass ich meine Dehnungsstreifen und Dellen nicht verstecken werde. Dass ich mich nicht von irgendwelchen Produkten verarschen lasse. Dass ich nicht versuche, in ein Bild zu passen, dass in der Realität gar nicht existiert. 

Wenn kein Mensch makellos ist, warum soll ich dann ein Problem mit meinen Makeln haben?

Quellen
Wörterbuch Oxford Languages

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