Make Love not War – politisch korrekte Beleidigungen

Ein Poetry Slam von Leticia Ferreira Schmidt

Dein Puls steigt, dein Herz rast. Dein Körper schüttet Adrenalin, Cortisol und Endorphine aus. Dein soziales und körperliches Schmerzempfinden wird gelindert. Frust wird abgebaut – aber durch was? Liebe? Romantik? Sex? Ja, es gibt sogar Workshops dazu, aber… richtig beleidigen will gelernt sein. „Ein Ehrenmann, der Reden kann“, ist jemand der weiß, den Menschen richtig in seiner Ehre zu verletzten. Wusstet ihr, dass nach dem Alten Testament, der erste Fluchende in der Geschichte anscheinend Gott war? Er sprach zu der Schlange, die Eva verführte, die verbotene Frucht zu essen: „[…] du [seist] verflucht […] und [sollest] Erde essen dein Leben lang.“ Heftig. Ich weiß nicht, wie kreativ und spontan ich bei sowas sein könnte. Mir wäre sowas wie „Du bist aber eine Schlange!“ eingefallen. Schmaler Grad zwischen Beleidigung und Tatsache… Richtig beleidigen will gelernt sein!!! Ein ultrageheimer superduper Tipp beim Beleidigen: Niemals handgreiflich werden. Stattdessen den Menschen einfach Pest und Cholera wünschen. In Japan geht das mit „Wirf dein Kopf auf ein Stück Tofu (und sterbe)!“ Ich habe „und sterbe“ in Klammer gesetzt, weil ich das schon heftig find. Ich mein seinen Kopf auf Tofu zulegen, mein Gott – bin ich gewohnt, das macht meine Mitbewohnerin auch (Grüße hier an sie), aber das mit dem Sterben ist schon makaber und ‘ne Sauerei. Und apropos Sauerei: „Deine Mutter ist so fett, wenn sie am Fernseher vorbeiläuft, sind alle Herr der Ringe Teile vorbei“. Voll oldschool, aber deine Mutter ist Ehre, sie zu beleidigen verletzend, und traurigerweise auch lustig, aber nicht nett. Es ist nicht nett!

So! Spielen wir mal Klugscheißer! Beleidigungen sind subjektiv zu betrachten. Unter Freunden kann es sogar lustig sein sich als „Wichser“ zu bezeichnen, weil du damit Zuneigung ausdrückst. Klingt komisch, aber sich im Zweifel trotzdem immer fragen, ob das okay ist, was du gerade sagst. „So ein Spast!“, ist zum Beispiel auf die Krankheit der Spastik zurückzuführen, bei der man Lähmungen oder Zuckungen hat. Mit „Idiot“ beleidigt man sich mit einer psychischen Erkrankung. Kleiner Funfact dazu. Der Begriff „Idiot“ wurde als NS-Propaganda genutzt, um die Ermordung von Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen zu rechtfertigen. Gar nicht mal so lustig – ist es echt nicht. Und unter diesen Krankheitssektor fallen übrigens auch Aussagen wie „Das ist behindert“, oder der Ausdruck „dumm“. Dabei sollte man überlegen, was man mit der Aussage „Nazis sind dumm“ meint. Sind sie wirklich dumm oder sind sie rassistisch? Ein Armutszeugnis ist der Begriff „Du Penner“. Er würdigt arme Menschen herab. „Schlampe“ oder „Fotze“ sind sexistisch. „Du Lutscher“ ist es auch. Kleiner Exkurs (und Grüße an meine Mitbewohnerin). Zu lutschen wäre lecken das Gegenstück. Es wäre zwar auch nicht universal, und hört sich wie ein Neandertaler beim Flirten an, aber warum hat sich eigentlich „Du Lecker!“ nicht als Beleidigung etabliert? Exkurs Ende. Du merkst: Du solltest jegliche abwertende Kommentare hinterfragen.

Aber: es gibt neutrale Begriffe. Dinge, die alle Menschen gemeinsam haben: „Du Arschloch!“ ist okay. Für eine verstärkende Wirkung einfach: „Du scheiß Arschloch!“ Armleuchter– Blender–Eiernacken–Pfeife–Vollpfosten–Lappen–Windschattenfahrer – alles in Ordnung. Gemüse ist auch erlaubt. „Du verfaulte Birne!“, oder allgemein Essen „Brot kann schimmeln, was kannst du?“ Tiere wie „Du Schwein!“ gehen auch. Eine gewisse Verachtung gegenüber Tieren ist zwar da, aber sie sind geistig nicht in der Lage, zu merken, dass sie beleidigt wurden. Okay – dennoch herrscht Leben in ihnen!! Dazu hatte ich ein anregendes Gespräch mit meiner Mitbewohnerin (an dieser Stelle Grüße an sie). Und „das Leben“ war der Anhaltspunkt. Selbst die Pflanze verinnerlicht ihre Umwelt als Lebensmaßnahme, um über sich hinaus zu streben. Das bedeutet, dass sie Mineralien, Licht und Sauerstoff umwandelt und wächst. Sie hat ein Innesein und betreibt „Fotosynthese“, und diesen unbewussten Zustand nennt man in der Philosophie auch „ekstatisch“. Der Stein hat dieses Innenleben nicht, er ist nicht ekstatisch, er ist gefühlslos, leidenschaftslos, hat kein Bestreben. Der Stein ist nur Materie. Absolutes kein Leben – philosophisch gesehen, müsste das die ultimative Lösung für eine Beleidigung sein: „Du Stein!“. Abgesehen davon, dass es geil ist in Ekstase zu sein, wenn du deinem Gegenüber dasabsprichst, sprichst du ihm alles ab! Und ich mein er würde nicht mal merken, dass du ihn beleidigst. Das ist Trick 17!! Das ist… *puch*!!! Das ist sick!!! Aber gut, der Punkt: Worte formen unsere Wirklichkeit. Sprache ist tückisch. Sie stigmatisiert und Abwertungen werden normalisiert. Die Begriffe definieren quasi unser gesellschaftliches Selbstverständnis. Beleidigungen werden dadurch politisch und der Schimpfwortbereich ist demokratisch. Schließlich macht jeder mit. Das ist wie beim Gendern – Du hast die Macht etwas zu ändern!

Okay, eins bleibt. „Du Stinkekäse“ hat nicht die gleiche Befriedigung wie „Du Hurensohn“. Vielleicht liegt es aber auch nur an der Betonung „DU STINKEKÄSE!!“ Und wenn man dabei schmunzeln, grinsen oder lachen muss. Den Frust einfach… weglachen! Dann dem Gegenüber ein Kompliment machen. Das überrascht… bringt Zeit… einen Stuhl holen – und ihn dem anderen über den Kopf ziehen! Batz… Spaß! Niemals handgreiflich werden! Sei einfach nur kein scheiß Arschloch-Stein. Liebe Grüße an meine Mitbewohnerin – du bist keins – und Danke!

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