Im Herzen zu Hause ankommen – Gastbeitrag von Julia

Es ist wunderschön und schmerzlich zugleich: Ich weiß, dass ich nie wirklich dazugehören werde, denn ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und nicht in dem Land, nach dem sich mein Inneres sehnt, um sich ganz zu fühlen. Um anzukommen.

Es gibt verschiedene Identitätsbereiche. Einer davon ist die Herkunft. Die Frage nach der Herkunft eines Menschen kann sehr unpassend sein, eigentlich wollen wir uns als Gesellschaft davon lösen, solche Fragen zu stellen. Dieselbe Frage ist für mich etwas anderes, ein Interesse, keine Zuordnung, aber auch nur, wenn sie mir in Deutschland gestellt wird. Meine Eltern sind gebürtige Tschechen. Die Familie meines Vaters ist aus der damaligen kommunistisch regierten Tschechoslowakei nach Deutschland geflohen. Meine Mutter hat Mitte zwanzig den Weg nach Deutschland gefunden, der Liebe wegen. Ich bin mit einem deutsch sozialisierten Vater aufgewachsen und einer tschechischen Mutter, die sich manchmal nichts sehnlicher wünscht, als irgendwann wieder in Tschechien zu leben. Ich kann es ihr nicht verübeln, diese Sehnsucht hat sie auf mich übertragen. Daher kann ich es erahnen, wie es sich anfühlen muss, sein Heimatland verlassen zu haben. Herkunft. Aber was sage ich, wenn mich jemand fragt, woher ich komme?

Als TouristIn im Urlaub scheint es das alltäglichste der Welt zu sein, wenn danach gefragt wird, woher man kommt. Ich war mit einer Freundin in Spanien, in Sevilla, in einem Hostel. Am Abend waren wir mit ein paar anderen um die Häuser gezogen, ein offensichtlich bunter Haufen an Menschen. Es war egal, wenn man kein Spanisch konnte, so wie ich, wir haben alle Englisch miteinander gesprochen. Ich war im Gespräch mit einem Amerikaner, er fragte mich, woher ich komme. Mein erster Gedanke war aus Deutschland, aber eigentlich nicht wirklich, meine Eltern sind Tschechen, also eigentlich bin ich eine Tschechin, die in Deutschland geboren wurde. Ganz so kompliziert erzählte ich ihm das nicht, eher: 

„Ich wohne in Deutschland, aber eigentlich komme ich aus Tschechien.“ „Oh cool! Wann bist du nach Deutschland gezogen?“ „Ich bin dort geboren, ich habe nie in Tschechien gelebt. Meine Eltern kommen von dort.“ Leichtes Lachen. „Na dann, bist du aber Deutsche.“ 

Aua, das hatte gesessen. Ich versuchte erst gar nicht, ihm zu erklären, dass das nicht stimmte. Wie konnte er sagen, dass ich nur Deutsche war, wenn meine gesamte Familie aus einem anderen Land kam? Wieso musste ich darauf reduziert werden, wo ich geboren und aufgewachsen war? Ich bekam das Gefühl, dass ein Teil meiner Identität nicht nur in Deutschland unsichtbar war, sondern anscheinend auch sonst überall auf der Welt. 

Ein Teil von mir fühlt sich in Tschechien zu Hause, obwohl ich dort das eigentliche Problem habe: ich zeige den Menschen deutlich, dass ich nicht dazugehöre. Mir wurde einmal gesagt, dass ich komisch reden würde, woher ich denn käme? Da bekam ich erst eine Ahnung davon, wie es Menschen gehen musste, die immigrierten und aufgrund ihrer Aussprache vor den Kopf gestoßen wurden. Aber ich versuchte es eher leicht hinzunehmen, ich wusste ja, dass ich in Deutschland kaum Tschechisch sprach. Also selbst Schuld? Nein, es ist ein Teil meiner Identität, die ich faktisch nicht in Deutschland auf die Weise ausleben kann, wie ich es gerne möchte. Sie schlummert aber in mir und kommt dann zum Vorschein, wenn ich mich länger in Prag befinde. 

Es geht wohl jedem Menschen so, der weiß, dass zwei Länder, zwei Sprachen und zwei Kulturen zu einem gehören, man möchte, dass es gesehen und nicht hinterfragt wird. Vor allem einem nicht abgesprochen wird. Nicht in dem Land, in dem man lebt und nicht in dem Land, zu dem man sich hingezogen fühlt. Beides schmerzt auf ganz unterschiedliche Weisen. 

Mit den Jahren habe ich versucht, meine tschechische Identität zu formen. Ich habe meinen Führerschein in Prag auf Tschechisch gemacht, um mir zu beweisen, dass ich das schaffe. Mein erstes Tattoo ist ein tschechisches Wort, um zumindest auf diese Weise äußerlich zu zeigen, dass ich andere Wurzeln besitze. Ich habe auch schon eine Hausarbeit geschrieben, für die meine Primärliteratur auf Tschechisch war, und erneut, weil ich mir etwas beweisen wollte. Und auch sonst ertappe ich mich dabei, genau hinzuhören, wenn jemand einen osteuropäischen Akzent hat. Und ich bin überfordert und überglücklich zugleich, wenn ich dann beim Nachfragen Worte höre, die die wenigsten um uns herum verstehen können. Es ist wie eine unsichtbare Tür, die plötzlich geöffnet wird und das Herz vor Freude schneller hüpfen lässt. 

Die wohl schönste Erkenntnis habe ich im letzten Sommer gemacht. Ich war in Prag. In meiner Herzensstadt. Und ich merkte es an diesem Wochenende ganz besonders, dass ich in den letzten Jahren unabhängig von meinem Eltern meinen ganz eigenen Bezug zu dieser Stadt aufgebaut habe. Ich bemerkte es, wenn ich in Cafés und Restaurants mit den KellnerInnen sprach und mich dabei so wohl fühlte, sodass mir die Worte nicht fehlten. Ich bemerkte es, wenn ich mich in der Stadt bewegte und genau wusste, wohin mich die Wege brachten. In diesen Momenten war ich keine Fremde mehr. Ich hatte das Gefühl, dass meine sprachlichen, fest verwurzelten Pflanzen, die in meiner Kindheit sorgsam ausgesät worden waren, nun ganz persönliche, eigene, zart blühende Blüten trugen. Und ein Teil von mir fühlte sich für den Moment endlich angekommen.  

Ein Gedanke zu “Im Herzen zu Hause ankommen – Gastbeitrag von Julia

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