Quasi-Geheimnisse

Carolin Kebekus ist neuerdings wirklich ein ziemlicher Renner. Zumindest in meiner Familie. Es gibt kaum Bücher, die mir meine Mutter so häufig empfohlen hat wie das neue Buch von Carolin. “Es kann nur eine geben”. Ganz klar. In einer Welt, in der alte weiße Männer die Vorherrschaft erreicht haben kann es einfach nur eine geben. Besonders bemerkenswert daher auch Carolins Anekdote, als sie auf Anfragen zu gemischten Comedy-Shows die Antwort bekam “Entschuldigen Sie, aber wir haben schon eine Frau.” Ja, ganz klar. Fünf Männer, vielseitig wie eh und je. Einer etwas dicker, einer dünner, einer hat braune Haare, einer eine krumme Nase, einer läuft so ein bisschen schräg und eben eine Frau. Die Kategorie Frau ist vollkommen. Ganz und gar so, dass jede beliebige Frau durch eine andere beliebige Frau ausgetauscht werden kann. Herzlich Willkommen im Patriarchat. Es kann eben nur eine geben. Oder gar keine. Damit dann auch die Vielfalt der Menschen wirklich abgedeckt wird. Achtung, das war Ironie.

Als ich mir ein Interview mit Carolin und Matze anhöre, stehe ich im Fitnessstudio. Mein Blick richtet sich nach oben. Dort befindet sich eine Klimmzugstange, die meine nächste Trainingseinheit unterstützen soll. Ich bin das Prozedere schon gewohnt. Langsam hole ich aus und mache einen großen Sprung, halte mich mit meiner linken Hand an der Stange fest und fummle mit der rechten Hand ein Gummiband über die Stange. Es hat mich ein Jahr gekostet, das zu können. Davor musste ich quer durch den Raum schlurfen, eine Trainingsbank im Schlepptau, um die Stange irgendwie dann doch greifen zu können. Heute fühlt sich das cooler an. Ich mache einen großen Sprung und hoffe bei jedem Mal, dass ich die Stange zu greifen bekomme. Meistens klappt es.

Die Klimmzugstange ist nur ein Beispiel aus einer Welt, die nicht für Frauen gemacht wurde. Es ist kein Geheimnis, dass vieles männlich normiert wurde, es ist aber leider auch nicht sonderlich offensichtlich. Oder mit den Worten von meinem Philosophieprofessor: Wir machen einen weitläufigen Kategorienfehler, wenn wir als Mann auf die Welt gucken. Wir sehen nämlich, dass alles für uns glatt läuft und die Welt irgendwie ziemlich gut funktioniert und übersehen dabei, dass das für andere Personengruppen mitnichten so ist. Wenn ich also als Mann schon immer bequem eine Stange greifen konnte, woher soll ich dann wissen, dass das bereits ein Privileg und nicht selbstverständlich ist?

Es gibt eine Studie dazu, was Männer bzw. Frauen machen würden, wenn sie für einen Tag das gegenteilige Geschlecht hätten. Die Antworten waren sehr klar verteilt und eindeutig. Männer wollen Sex. Frauen wollen ganz entspannt nachts alleine durch dunkle Straßen spazieren gehen. Das ist auch kein Geheimnis, muss man aber erst mal gesehen und verstanden haben. Unsere Welt speist nur so von Geheimnissen, die eigentlich keine sind und von denen die einen ausgeschlossen sind und durch die Andere ausgeschlossen werden.

Jetzt kommt der Knu. Irgendwo sind es dann eben doch Geheimnisse, die viele männlich gelesene Personen nicht kennen und einige weibliche so unglaublich normal finden, dass sie sie oftmals übersehen. Das Patriarchat ist eine Machtstruktur. Das heißt, wir sind davon abhängig, dass Personen mit sehr sehr vielen Privilegien deren Position erkennen und zurücktreten. Erst dann können Personen mit weniger Privilegien dazwischentreten und gehört, ganz vielleicht sogar verstanden werden. Oder anders ausgedrückt: Durch jede Handlung eines (weißen, heterosexuellen cis) Mannes ist gesetzt, ob er das sexistische System unterstützt und damit zu Diskriminierung beiträgt oder nicht. Aber wie kann das ein Selbstläufer sein, wenn doch diejenigen die privilegiert sind, deren Privilegien gar nicht bemerken, weil sie ja in ihrer Gemütlichkeit die sexistischen quasi-Geheimnisse einfach übersehen? Im Endeffekt benötigen wir eine riesige Spannweite an weißen Männern, die sich mit Dingen beschäftigen, von denen sie nicht wissen, dass sie sie betreffen. Das ist schwierig, wie kannst du dich mit Dingen beschäftigen, von denen du nicht weißt?

Was wir dabei nur grob vermuten können ist, wie es sich anfühlt diese und jene Privilegien nicht zu haben. Ich kann nicht nach Afrika gehen und sagen, ich wisse, wie sich Rassismus anfühlt. Du kannst nicht als cis Mann in ein Nagelstudio gehen und sagen, du weißt, wie es ist sexistisch behandelt zu werden. Aber du weißt eventuell trotzdem, wie sich Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit anfühlt. Das ist etwas, was ich dir über Diskriminierung sagen kann. Sie fühlt sich genau so an: ungerecht und machtlos. Ungefähr, als ob ein großes Kind oder besser schlimmer, dein:e Lehrer:in, auf dem Schulhof deinen letzten Keks klaut, dich auslacht und ihn dir dann wegisst. Du kannst nichts machen, außer vielleicht darauf hinweisen, wie unfair und gemein du das findest. Wie er oder sie damit umgeht, entscheidet dann, ob du dich danach besser, elender oder einfach wütend fühlst.

So viel zu halben Geheimnissen.

2 Gedanken zu “Quasi-Geheimnisse

  1. KK, das Vorzeigemädel der haltungsbewussten Staatskomikerfraktion, versiert in allem, was eine divers-multikulturell-politisch-korrekte-antifaschistisch-feministische „Comedienne“ ausmacht. Hohoho…..

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s