Wir brauchen eine sichere Kindheit

Ich möchte über Trauma sprechen

Letztes Jahr, in meiner ersten Therapie, habe ich ein Wort bekommen. Bindungstrauma. Das hat mir damals richtig gut getan, auch wenn im selben Moment wieder etwas in mir ausgebrochen ist. Ich sehne mich nach Worten, die mich beschreiben, die mich formen und mir eine Identität geben. Und für den Moment ist das auch völlig in Ordnung, jetzt brauche ich diese Stütze, um anzuerkennen, dass ich es schwer hatte. Verletzungen müssen greifbar werden, vor allem für einen selbst, um heilen zu können.

Nach dieser Therapiesitzung musste ich natürlich sofort Eigenrecherche machen. Ich habe herausgefunden, dass dieses Trauma zu den Entwicklungstraumata gehört. Bei dem Wort Entwicklungstrauma denke ich sofort an Krieg und Verfolgung, an Menschen, die Angst vor Zerstörung haben müssen oder jetzt gerade auf der Flucht sind. Ich denke an Menschen, die es offensichtlich schwer haben und schreckliche Dinge erleben. Aber was ist schon offensichtlich? Bei mir war und ist es die Familie, die schwer wiegt. Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Deswegen ist es mir so wichtig geworden über Kindheit zu reden, über das innere Kind, das bei manchen von uns stärker beschädigt ist als bei anderen Menschen. Problematiken soll man keinesfalls miteinander vergleichen oder gegeneinander aufwiegen, das macht es nicht besser. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich das auch mache. Entweder denke ich mir, dass es andere schwerer hatten, wenn es zum Beispiel um das Thema Tod geht, bei wieder anderen denke ich mir, dass sie „doch nur“ eine Scheidung erlebt haben und ich es so viel schlimmer hatte. Vergleichen macht nichts besser.

Das Bindungstrauma
Wie alle Traumata ist es ein komplexes Thema und ich kann an dieser Stelle natürlich nur einen Bruchteil davon aufzeigen. Ich möchte in erster Linie mein persönliches Verständnis und meine persönliche Sicht auf die Dinge zeigen:
Wenn unsere Bindungspersonen, meistens sind das unsere Eltern, uns keine Sicherheit und Geborgenheit geben konnten, können wir ein Trauma erleben. Ich will nichts pauschalisieren, ich habe trotzdem mittlerweile die Meinung, dass zunächst die eigenen Abgründe gesehen und im besten Falle auch (ansatzweise) geheilt werden müssten (vielleicht auch mithilfe einer Therapie), bevor man selbst Kinder in die Welt setzt. Wenn unsere Eltern zum Beispiel selbst noch traumatisiert sind, können sie nur bis zu einem gewissen Grad gut auf uns aufpassen. Eltern, die nicht gelernt haben, mit ihren Gefühlen umzugehen und sich selbst zu regulieren, erfahren vielleicht im Umgang mit ihrem Kind Verletzungen aus der eigenen Kindheit. Es kann dazu führen, dass sie im Umgang mit ihren eigenen Kindern schädlich handeln. Und ich meine damit keine Auseinandersetzungen oder Streitigkeiten oder ganz banal Fehler, die Eltern und Menschen allgemein machen. Ich meine damit dauerhafte ungünstige und schädliche Verhaltensweisen, und die daraus resultierenden Umstände, die ein Kind nicht sicher und gesund aufwachsen lassen. Und in uns drin hinterlässt das Ganze emotionale Abgründe und Narben.
Bindungstrauma bedeutet, dass unsere ersten Bezugspersonen nicht in der Lage waren, unsere erste Bindung sicher zu gestalten. Auch unsere späteren Beziehungen sind davon betroffen, ja unser gesamtes Leben.
„Unsere neuronalen Netzwerke für sichere Bindung [werden] weniger ausgebaut und unser Gehirn spezialisiert sich stattdessen auf Gefahren.“ Wenn wir bei unseren ersten innigen Beziehungen keine Sicherheit erfahren haben, haben wir gelernt, uns zu schützen. Ich möchte an dieser Stelle nicht alle Symptome aufführen, die im Laufe des Lebens auftreten können. Wichtig ist das Können. Jeder Mensch ist ein individuelles Wesen, und auch wenn vielleicht ähnliche Dinge überlebt wurden, reagiert jede:r anders. Jede:r zerbricht anders, und wird sich im Leben auf eine individuelle Weise schützen. Nur so viel, mich hat vor allem dieser eine Satz noch ziemlich berührt: „Durch ein Bindungstrauma mangelt es uns meist an einem Gefühl von Verbundenheit, nicht nur zu unserer Umwelt und anderen Menschen und Lebewesen, sondern auch zu uns selbst und unserem Körper.“ Ich glaube, viele können das ein wenig nachempfinden, auch wenn sie kein Trauma erlebt haben. Die Welt, in der wir leben, kann uns keine wirkliche Sicherheit geben. Vielleicht gibt es bedingungslose Sicherheit nur bei einem selbst.

Außerdem sind diese Seiten interessant:
medizin-im-text.de (fand ich persönlich sehr hilfreich und empathisch geschrieben.)
kerstin-scheffe.de (hier geht’s ähnlich wie bei der genannten Seite in den Fußnoten um mögliche Auslöser und mögliche Folgen fürs eigene Leben.)

P.S. Wenn du dich in irgendeine Weise von meinen Schilderungen angesprochen fühlst, du ein starkes Gefühl spürst und/oder einfach denkst „das kann auf mich zutreffen“, kann es sich lohnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zuvor aber kann es hilfreich sein, mit Jemandem (Freund:innen, Partner:in, Therapeut:innen), bei dem du dich gut aufgehoben fühlst, darüber zu reden:) Du bist nicht allein. ❤️

Quelle: traumatherapie.de, 19. Januar 2020: „Habe ich vielleicht Bindungstrauma?“ von Claudia Leinert

Autorin: Julia Kantor

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