Gedanken über Salamibrote: Du kannst dich nicht Nicht-Entscheiden

Ich habe schon mehrmals gesehen, wie ein Tier geschlachtet wurde und habe nicht aus diesem Grund ein Problem damit, Fleisch zu konsumieren. Das Argument (Ich habe schon gesehen, wie ein Tier geschlachtet wurde), ist für mich keine Rechtfertigung zum Fleischkonsum. Im Gegenteil: Es offenbart, wie verschoben die Weltansicht von vielen Fleischkonsument*innen ist.

Autofahrt mit meinem Freund. Er: “Wenn du in einem Satz beschreiben müsstest, warum du Veganerin bist, was wäre das dann?” Keine einfache Frage, ich muss einen Moment darüber nachdenken. Es gibt so viele gute Gründe.

“Wie kommst du auf die Frage?”, ich sehe von der Seite, wie er den Blick auf mich richtet.

“Du hast letztens gesagt, dass du schon gesehen hast, wie Tiere geschlachtet oder ausgeblutet wurden. Damals aber genau aus dem Grund eben nicht vegan oder vegetarisch gewesen bist: Du konntest es angucken und es hat dir nichts ausgemacht.”, kurze Pause.

“Ok. Meine Antwort ist: Ich sehe es nicht ein, mit meinen Handlungen ein System zu unterstützen, das so offensichtlich so falsch ist.”, ich bin sehr zufrieden mit meiner Antwort. Nicht zuletzt, weil ich dadurch meine Form der Rebellion bestärkt habe. Ich fühle mich wie ein trotziges Kind, das den alten weißen Männern an der Spitze riesiger Massenproduktionsfirmen die Stirn bietet und das finde ich toll. Es erfüllt mich mit Stolz.

Ich habe aufgehört, Fleisch zu essen. Von heute auf morgen. Nicht, als mir bewusst geworden ist, was auf Schlachthöfen passiert. Nicht, als ich wusste, dass Bio quasi dasselbe wie Nicht-Bio ist. Ich habe Bücher gelesen, bei denen mir schlecht geworden ist, aber vom Fleischessen hat es mich nie abgehalten. Ich bin davon überzeugt, dass für Menschen alles natürlich sein kann. Fleisch und kein Fleisch. Ich weiß, dass Studien absolut nichts wissen. Dafür ist Ernährung und Gesundheit ein zu breites Thema und Menschengruppen für Studien auszuwählen, zu facettenreich: Raucher*innen? Viel Gemüse, wenig Gemüse? Sportler*innen? Spätestens, nachdem meine Bauchspeicheldrüse einen Knacks hatte, habe ich gelernt, dass der menschliche Körper alles kann: zwei Jahre lang auf Gemüse und Zucker verzichten? Kein Problem, wenn dein Körper von Verdauungsstörungen gereizt ist, macht er das schon, insofern es weniger Stress bedeutet.

Ich bin vegan geworden, als mir bewusstwurde, dass ich in einem System lebe, aus dem ich mich heraushalten wollte. Und bei dem ich dachte, mich bereits herauszuhalten. Der Grund: Die Nicht-Positionierung. Ich war nicht gegen Vegetarier*innen oder Veganer*innen, habe einfach nicht gehandelt und weitergemacht, wie ich es kannte. Wir leben aber in einem System, in welchem “sich heraushalten” bedeutet, sich eben nicht herauszuhalten. Statt sich bewusst zu entscheiden, verdrängen die meisten Menschen solche Gedanken. Wenn Salamibrotessen für mich immer normal war, weil Mama und Papa das früher in meine Vesperbox gepackt haben, dann denke ich beim Essen nicht daran, dass ich mich gerade entschieden habe. Jede Nicht-Entscheidung ist eine Entscheidung für ein System und gegen ein anderes.

An der Debatte um Fleisch und Massenproduktion willst du nicht teilnehmen? Verstrickte Sache, denn mit jeder Mahlzeit entscheidest du dich. Nicht-Entscheiden ist hier nicht möglich. An diesem Punkt stand ich nun: Ich wusste, mit jeder Mahlzeit werde ich mich entscheiden. Ob ich will oder nicht. Also hatte ich keine Wahl – ich bin Veganerin.

Massentierhaltung hat nichts mit “Ich kann beim Schlachten zusehen.”, zu tun. Statt dem einzelnen Tier, das geschlachtet wird, sehe ich jetzt, was Fleischkonsum wirklich bedeutet. Ich sehe tausende Tiere, die seit ihrer Geburt leiden. Ich sehe, wie Indonesien im Meer versinkt oder Australien verbrennt. Das sind alles Konsequenzen und das bedeutet Fleischkonsum in unserer Zeit nämlich: ein System zu unterstützen. Das Tiere quält, das die Umwelt kaputt macht, Regenwald abholzt, Menschen krank macht. Aus diesem Grund musste ich ins vollste Extrem gehen. Für mich gab es nur noch ein Entweder-Oder.

Natürlich fände ich es super, wenn jeder einzelne Mensch vegan leben würde. Ich habe für mich entschieden, dass das die einzige Lösung ist und nur dann der Klimawandel umgedreht werden kann, wenn Fleischkonsum nicht normal ist. Natürlich weiß ich aber auch, dass das nicht so einfach, mehr Utopie und Ideal, als Realität ist. Deshalb finde ich, dass es genauso lobenswert ist, wenig Fleisch, wie kein Fleisch zu essen. Es gibt Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Fleisch benötigen. Manchen Menschen fällt es besonders leicht, auf Fleisch zu verzichten, anderen wiederum schwerer. In meiner Veganismus-Philosophie ist Platz für alle. Diejenigen, die einfach nicht wissen. Diejenigen, die nicht können. Ich verstehe es, wenn Menschen das machen, was ich viele Jahre gemacht haben: sich mit ihrer “Nicht-Entscheidung” entscheiden. Schwarz-weiß Denken ist dabei wenig förderlich. Ich denke, es ist ein Erfolg, wenn ein standfester Fleischesser, wie mein Vater, ein veganes Hackbällchen probiert und die Finger davon nicht lassen kann. Warum muss es immer vegan oder nicht vegan sein?

Fleischkonsum muss nicht vollkommen gestrichen werden, wenn wir eine umweltschonende Lebensweise haben wollen. Alle diejenigen, die Tiere schützen wollen, sollten das weiter tun. Sie haben einen Kampfgeist, der mich an Mütter und Väter erinnert: Sie stehen für wertvolle Lebewesen ein, die sich nicht selbst wehren können. Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen ist aber schlicht und ergreifend unangebracht. Umweltzerstörung und Nachhaltigkeit ist ein strukturelles Problem. Um das Problem zu lösen, müssen wir einsehen, dass wir in diese Struktur hereingeboren wurden:

Du wurdest vermutlich als Kind nie danach gefragt, ob du Fleisch essen möchtest oder nicht. Dir hat vermutlich niemand gesagt, dass die Salami auf deinem Brot mal ein genauso liebenswürdiges Wesen war, wie deine Hauskatze. Du wurdest sozusagen als Fleischesser*in geboren, ohne je danach gefragt zu werden. Also frage ich dich jetzt:

Wie möchtest du in Zukunft mit und in diesem System leben?

Wenn deine Antwort ist, dass du Vegetarier*in wirst, okay. Sei dir dabei bewusst, dass deine Werte erstrangig bei der Umwelt liegen sollten, zweitrangig bei Tieren.

Wenn deine Antwort ist, dass du Fleisch reduzierst, okay.

Wenn deine Antwort ist, dass du weiter Fleisch isst, aber auf alle anderen tierischen Produkte verzichtest, okay. Das kann je nach Fleischwahl oftmals sogar noch besser für den Umweltschutz sein, als vegetarisch zu leben.

Wenn deine Antwort ist, dass du dich gerade einfach nicht entscheiden kannst, mache dir bewusst, dass du dich damit entschieden hast.

Wenn deine Antwort ist, dass du nicht vegan sein willst, weil Fleischessen “gesund” ist, versuche das zu hinterfragen. Ist es etwas, das dein Arzt dir gesagt hat, weil du einen Bluttest gemacht hast, der das bestätigt? Oder gründet es in einer Unsicherheit? Wenn es dir dein Arzt gesagt hat: okay, iss Fleisch, so viel dein Körper braucht.

Alle Veganer*innen ermöglichen es dir, Fleisch zu essen, falls du es gesundheitlich brauchst. Aus dem einfachen Grund, dass es am Ende auf ein Gleichgewicht ankommt. Wenn im Durchschnitt ein mittelhoher bis niedriger Fleischkonsum die Lösung ist, dann sind auch Tendenzen in die ein oder andere Richtung in Ordnung. Am Ende kommt es auf ein Gleichgewicht an, nach dem utilitaristischen Prinzip: Jeder holt alles raus, was er kann. Ich kann vegan leben, ohne Problem. Andere können es unter Umständen nicht. An diesem Punkt sollten wir ehrlich zu uns selbst sein, andere in ihren bewussten Entscheidungen unterstützen und sie auf ihre unbewussten Entscheidungen hinweisen.

Es ist ausreichend, wenn du ab und zu vegan isst, ab und zu vegetarisch oder eben mal nicht. Polarisierung führt zu Druck und Druck führt zu Stagnation. Die nimmt uns Zeit, welche wir nicht mehr haben. Deshalb sollte sich jeder für einen Lebensstil entscheiden, der realistisch, gesund und somit umweltschonend ist. Du bist kein schlechter Mensch, wenn du kein*e Veganer*in oder Vegetarier*in bist. Oder wenn du Ausnahmen machst. Wenn du tust, was du kannst, ist das genug.

Wie möchtest du in Zukunft mit und in diesem System leben?

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