Bedürfnisorientierte Elternschaft

Bedürfnisorientierte Elternschaft – das bedeutet, dass ich meinem Kind jeden Wunsch von den Lippen ablese. Dass mein Kind niemals das Wort „Nein“ zu hören bekommt. Bedürfnisorientierte Elternschaft ist der Grund, warum immer mehr Menschen ihre Kinder zu Tyrannen großziehen. Stimmt das?

Dein 14 Monate altes Kind spielt vertieft im Sandkasten. Es wird langsam spät und du möchtest bald wieder nach Hause. Was machst du?
A: Sobald du deinem Kind die Schaufel aus der Hand nimmst, fängt es an zu brüllen. Du nimmst es auf den Arm und setzt es unter Protest in den Kinderwagen.
B: Du gibst deinem Kind einen Keks, damit es nicht anfängt zu weinen, wenn du es in den Kinderwagen setzt und packst schnell alles zusammen.
C: Du setzt dich neben dein Kind, und erklärst ihm, dass du gehen möchtest, weil es langsam spät wird. Es soll noch fünf Minuten zu Ende spielen, dann müsst ihr gehen. Dein Kind weint, trotzdem. Du tröstest es und erklärst nochmal, warum ihr gehen müsst.

„Ich liebe Sand. Es macht mir viel Spaß mit der Schaufel Sand in den Eimer zu schippen. Ich bin zufrieden und vergesse alles um mich herum. Plötzlich reißt du mir die Schaufel aus der Hand. Ich erschrecke mich und bin wütend. Du nimmst mich hoch, ich versuche mich zu wehren, aber du bist stärker. Ich fühle mich hilflos und verstehe nicht, warum du so grob zu mir bist.“
Du setzt dich über die Bedürfnisse deines Kindes hinweg. Du bist körperlich überlegen und nutzt das aus. Du hast dabei keine bösen Absichten, dein Kind kann das in diesem Moment aber nicht verstehen.

„Ich spiele im Sand. Plötzlich hältst du mir einen Keks unter die Nase. Ich habe gar nicht bemerkt, wie hungrig ich bin. Zufrieden nehme ich den Keks entgegen. Ich bemerke gar nicht richtig, dass du mich in den Kinderwagen setzt und es ist mir auch egal, ich habe ja schließlich einen Keks.“
Du benutzt den Keks, um dein Kind abzulenken oder zu bestechen. Es ist auch mit dem Keks zufrieden, deshalb protestiert es nicht. 

„Ich spiele vertieft im Sand. Du setzt dich neben mich und sagst, dass wir in fünf Minuten gehen müssen. Ich verstehe nicht so richtig, was du damit meinst. Aber ich bin nicht mehr ganz so vertieft und nehme wahr, dass du die Spielsachen aufräumst. Gehen wir nach Hause? Als du mich hochnimmst, fange ich an zu weinen. Ich möchte noch nicht gehen.“
Du schilderst deinem Kind dein Bedürfnis: Du möchtest gerne gehen. Du übergehst dabei aber nicht das Bedürfnis deines Kindes. Anstatt ihm die Schaufel aus der Hand zu reißen, bittest du es, sie dir zu geben. Trotzdem ist es am Ende traurig, dass ihr schon gehen müsst.

Bei keinen der genannten Varianten verhältst du dich falsch. Die meisten Eltern treffen ihre Entscheidungen zum Wohle des Kindes. Allerdings vergisst man dabei schnell, dass das Kind ein eigenständiges Wesen, mit eigenen Gefühlen und einem eigenen Willen ist. Indem du diesen Willen anerkennst und nicht einfach darüber hinweg entscheidest, lernt dein Kind, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und für sie einzustehen. 

Erziehung muss kein Kampf sein.

Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet, dass du das Verhalten deines Kindes nicht in „erwünscht“ und „unerwünscht“, „richtig“ und „falsch“ einteilst. Stattdessen hinterfragst du die Ursachen von Verhaltensweisen und erkennst die dahinterstehenden Bedürfnisse. Du betrachtest dein Kind nicht als dein Eigentum, sondern erkennst seine eigene Integrität und Autonomie an. Du begibst dich mit deinem Kind auf Augenhöhe. Nur weil dein Kind kleiner und jünger ist als du, heißt das nicht, dass seine Bedürfnisse nicht genauso wichtig sind, wie deine.

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