Die Traumgeburt der kleinen Erdbeere

Samstag, 29.01.2022. Ich schlage die Augen auf. Ich liege im Bett. Neben mir höre ich den ruhigen Atem meiner Familie. Mein Mann und mein Sohn, beide leise schnarchend. Ich schaue auf die Uhr. Kurz vor 5. Ich lege meine Hände auf meinen Bauch. Ein bisschen enttäuscht bin ich. Weil ich schon wieder mit regelmäßigen Wehen eingeschlafen und ohne Wehen aufgewacht bin. Weil mein Baby immer noch in meinem Bauch ist. Obwohl ich schon seit Wochen immer wieder Wehen habe. Dabei ist der Termin erst in 10 Tagen. Aber trotzdem. Schon seit Mitte der Schwangerschaft sage ich immer wieder „Bis in den Februar schaffen wir es nicht.“. Ich bin mir nicht sicher, wieso ich das glaube, aber tief in mir drinnen weiß ich es einfach. 

Aber der Januar ist fast vorbei. Habe ich mich doch getäuscht? Ich versuche mir einzureden, dass das gut so ist. Das Baby soll noch eine Weile drin bleiben. Das ist gut für das Kind, jeder Tag im Bauch ist ein guter Tag. Aber so richtig gelingt mir das nicht. Die Vorstellung, ein großes, überreifes Baby zu bekommen macht mir einfach ein bisschen Angst. 

Der Tag nimmt seinen Lauf und ich habe immer wieder Wehen. Senkwehen, denke ich. Es ist nicht besonders intensiv und überhaupt nicht rhythmisch. Es ist eher ein dauerhaftes Ziehen, mal mehr, mal weniger. Der Bauch wird ständig hart, aber das ist auch schon seit Wochen so. Gegen Abend werde ich immer enttäuschter. Wieder ein Tag vergangen, ohne, dass ich mein Baby in den Armen halten kann. Beim Abendessen erwähne ich, dass ich immer wieder Wehen habe. Mein Mann ist mittlerweile genauso resigniert wie ich. „Denkst du sie kommt heute? Du hast ja immer Wehen und es ist nie was…“ „Ja, heute kommt sie bestimmt nicht mehr. Und morgen geht es nicht, da hat der Sohn von deiner Cousine Geburtstag.“. Ich möchte nicht, dass sich die beiden den Geburtstag teilen. „Aber der hat doch heute schon Geburtstag.“ „Achso?“. Ich schaue auf die Uhr. 18:30 Uhr. Blicke auf meinen Bauch. „Dann kannst du ja doch heute Nacht kommen, hast du gehört?“ Die Geburt von der Bohne hat 18h gedauert. Wenn sich die Erdbeere heute Nacht auf den Weg macht, halte ich sie morgen früh in den Armen. 

Wir machen die Bohne bettfertig und legen uns gemeinsam in unser Familienbett zur Einschlafbegleitung. Ich werde unruhig, ich finde es unbequem. Die Wehen sind zu unangenehm, um entspannt im Bett zu liegen. Ich stehe auf, mache mir mein Dinkelkissen warm und lege mich auf die Couch. Bei jeder Wehe übe ich, richtig zu atmen. Es sind nur Senkwehen, denke ich. Richtige Geburtswehen sind viel schmerzhafter. Außerdem kommen die Wehen nicht rhythmisch alle 5 bis 10 Minuten. Mein Mann steht im Türrahmen. „Was denkst du?“, fragt er. „Ich möchte in die Wanne. Kannst du Kerzen holen? Ich schreibe noch schnell Emmi.“. 

Emmi soll auf die Bohne aufpassen, falls wir Nachts ins Krankenhaus müssen. Sie ist sofort bereit und wartet nur auf unseren Anruf. Ich denke immer noch nicht, dass es heute los geht. Trotzdem möchte ich gerne in die Wanne. Meinem Mann gebe ich den Auftrag, meine Wehen zu stoppen. Die Zeit zwischen den Wehen und die Länge der Wehen. Eine Wehe dauert ca 30 bis 60 Sekunden an, sie kommen alle 2 bis 3 Minuten. „Das ist schon sehr regelmäßig, oder nicht? Ich glaube ich rufe mal im Kreißsaal an.“. Ich versuche meinen Muttermund zu ertasten und bin mir ziemlich sicher, dass er noch geschlossen ist. „Ich glaube, dass es nur Senkwehen sind. Sie sind ja auch nicht so stark. Ich kann das noch so gut veratmen, ich glaube nicht, dass es los geht. Und mein Muttermund ist auch noch zu, glaube ich.“. Mein Mann ignoriert meine Einwände mehr oder weniger und ruft trotzdem im Kreißsaal an. „Wir sollen kommen.“, sagt er. 

10 Minuten später ist Emmi da. 20:30 Uhr. Die Bohne schläft friedlich. Wir packen alles zusammen. Im Auto zu sitzen finde ich unangenehm. Trotzdem kann ich die Wehen gut veratmen. Auf dem Weg vom Parkplatz in den Kreißsaal müssen wir sehr häufig anhalten, weil ich ständig Wehen bekomme. Ich glaube immer noch nicht, dass es schon los geht. Bei der Bohne hat sich alles anders angefühlt. Ich erinnere mich an grauenhafte Schmerzen, die nicht enden wollen. An Panik, Angst und das Gefühl, sterben zu wollen. Das, was ich hier empfinde, ist fast angenehm und definitiv aushaltbar. Ich habe eigentlich dauerhaft meine Augen geschlossen und lasse mich von meinem Mann leiten. Ich bin todmüde und würde am liebsten einfach schlafen. Am Kreißsaal angekommen, drückt mein Mann auf die Klingel. Wir warten. Wir warten ewig. Zwischenzeitlich gehe ich auf Toilette. Immer noch kein Blut. Bei der Bohne habe ich so viel geblutet, als sich der Muttermund geöffnet hat. Es kann noch nicht losgehen. Es sind nur Senkwehen und sie schicken uns gleich wieder weg.

Wir stehen eine halbe Ewigkeit vor dem Kreißsaal. Ich fange an, mich zu wundern, warum es so lange dauert. Irgendwann sieht uns eine Hebamme durch die Glastür und kommt zu uns. Es stellt sich heraus, dass die Klingel zum Kreißsaal kaputt ist. Ich halte mich an meinem Mann fest, während ich eine neue Wehe kommt. Sie redet mit meinem Mann über irgendetwas. Ich nehme es kaum wahr, bin ganz bei mir. Meine Augen immer noch fast die ganze Zeit geschlossen. Sie streicht mir über den Arm, ich öffne meine Augen. „Komm mit mir mit. Dein Mann bleibt noch hier, bis wir sein Testergebnis haben.“. Freundliche blaue Augen schauen mich an und ich fühle mich sofort gut aufgehoben. „Darf ich deine Hand halten?“ Sie reicht mir ihre warme, kleine Hand und ich schließe wieder meine Augen. Sie führt mich in mein Zimmer. „Ist es in Ordnung, wenn wir dich kurz untersuchen?“ Ich nicke. „Wir sind bei 3 bis 4 cm.“ Es ist 21:30 Uhr. 

„Was möchtest du jetzt machen? Möchtest du noch in ein Zwischenzimmer oder gleich in den Kreißsaal?“ „Ich möchte ins Wasser.“ Ich erinnere mich an die warme Wanne zu Hause und wie wohl und leicht ich mich gefühlt habe. Sie führt mich in den Kreißsaal und lässt Wasser in die Wanne. Ich setze mich hinein. Es ist so unfassbar angenehm. Ich entspanne mich, halte mich am Beckenrand fest. Lege meinen Kopf nach hinten und versuche zu schlafen. Wenn eine Wehe kommt, rutsche ich mit meinem Becken ein Stück tiefer, sodass mein Bauch ganz im Wasser ist und halte mich an Bändern fest, die von der Decke hängen. Die Hebamme legt ein CTG um meinen Bauch, aber ich nehme es kaum wahr. Sie sagt, dass sie jetzt gehen muss, weil Schichtwechsel ist und gleich eine andere Hebamme kommt. Ich bin immer noch ganz bei mir, lächele zum Abschied und bedanke mich für die nette Aufnahme. Als sie weg ist, werden die Wehen stärker. Ich versuche immer noch meinen Unterkörper komplett zu entspannen. Ich halte mich an den Bändern fest und die Wehen sind so intensiv, dass ich das Bedürfnis habe, mit meinen Beinen um mich zu treten. Ich achte auf meine Atmung, lange aus, tief ein. Mir entfährt ein langes „Uuuh“ und es fühlt sich gut an. Es klingt fast ein bisschen jämmerlich, denke ich. Mein Mann beschreibt es im Nachhinein als Kraftvoll. Damit mein Unterkörper entspannt bleibt, klammere ich mich an den Bändern fest und rüttele daran, um einen Energieausgleich zu schaffen. In der Wehenpause sacke ich komplett in mich zusammen. Atme ruhig und entspannt. Schlafe fast ein. Die nächste Wehe kommt schnell und wieder atme und töne ich das U. Ich achte darauf, meinen Kiefer zu entspannen. Entspannter Kiefer, entspannter Beckenboden. Mein ganzer Körper ist entspannt, bis auf meine Arme. Dort steckt die ganze Energie, die ganze Wut über den Schmerz. Aber der Schmerz geht vorbei und nach dem Schmerz kommt eine Pause und in der Pause kann ich schlafen. Irgendwann kommt mein Mann herein. Läuft umher, packt Sachen aus, isst ein bisschen was. Als er merkt, wie intensiv meine Wehen sind, lässt er alles stehen und liegen und setzt sich hinter mich. Dort bleibt er und hält meine Schultern, damit ich nicht mit den Kopf in die Wanne rutsche. Die neue Hebamme kommt. Es ist 22:00 Uhr. Ich denke, dass die Wehen jetzt sehr intensiv sind und ich, wenn das ganze noch länger dauert, wohl doch ein Schmerzmittel brauchen werde. „Ich hab keine Lust mehr, ich bin so müde, ich möchte schlafen.“ Flüstere ich meinem Mann zu und er gibt mir einen Kuss auf die Stirn. 

„Hast du schon den Drang zu pressen?“, fragt mich die Hebamme. Ich möchte gerade mit nein antworten, als die nächste Wehe einsetzt. Jetzt ist da dieses Gefühl, als würde ich gleich in die Wanne machen. Als müsste ich ganz dringend auf Toilette. Sofort bekomme ich das Bedürfnis, meinen Beckenboden anzuspannen. Ich möchte ja nicht in die Wanne machen. Aber ich weiß, dass das falsch ist. Ich entspanne mich noch mehr. Selbst wenn ich in die Wanne mache, was solls. Aber das passiert nicht. Weil es das Baby ist. Die Hebamme ruft sich eine zweite Hebamme dazu. Die nächste Wehe kommt. Sie beginnt so wie alle anderen auch. Ich entspanne mich aktiv, töne mein U. Aber plötzlich zieht sich mein Unterkörper komplett zusammen. Ein lautes „A“ entfährt mir, während mein Körper nach unten presst. Ich spüre ein extremes Spannungsgefühl in meiner Vagina. Das Baby kommt. Mit jeder Presswehe zieht sich mein Körper zusammen. Ich mache nichts, außer kraftvoll zu atmen. Das Spannungsgefühl wird immer stärker und auf einmal löst es sich. „Die Fruchtblase ist geplatzt.“, sagt mein Mann und streicht mir über die Stirn. Die Presswehen kommen schnell hintereinander, aber ich schaffe es, mich in den Pausen ausreichend zu erholen. „Da kommt das Köpfchen“, sagt die Hebamme. Ich bin erleichtert. Es ist fast vorbei. Die nächste Wehe kommt und dieses Mal schiebe ich aktiv mit. Ich möchte mein Baby endlich bei mir haben. Und dann ist es soweit. Erst das Köpfchen. In der nächsten Wehe die Schultern und der restliche Körper. Und dann ist sie da. Meine Kleine. Meine Tochter. Es ist 22:34 Uhr. Ich war 1 1/2 Stunden im Kreißsaal. Und die Kleine hat am selben Tag Geburtstag, wie ihr Großcousin.

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