Damit unsere Kinder es besser machen

„Das sieht mega schwul aus“ 
„Bist du behindert?“ 
„Du Spasti“ 
„no homo“ 
„Du bist so eine Pussy“
„Ich frage mal, ob einer von den Kanacken ein Feuer hat“
„Ex oder Jude“
„Deine Mutter ist so fett…“

Und, einen oder mehrere von diesen Sätzen schon einmal gesagt? 

Ich kann leider auch nicht von mir behaupten, das nicht getan zu haben. Ich will mein Verhalten diesbezüglich auf keinen Fall entschuldigen, aber als wir aufgewachsen sind, war die Sensibilität gegenüber Alltagsdiskriminierung noch viel geringer. Zumindest habe ich als Kind noch von 10 nackten Negern gesungen. In der fünften Klasse hatte ich einen Klassenkameraden aus den Philippinen, mit einem sehr langen, eindeutig nicht deutschem Namen. Er wurde von so gut wie allen Lehrern gefragt, ob sie ihm einen Spitznamen geben dürften, weil sein Name ja so kompliziert sei. Sein Name war zwar nicht deutsch, aber er war definitiv nicht so schwierig, dass man ihn nicht hätte lernen oder aussprechen können. Als Kinder war das für uns aber ganz normal, wir haben darüber gelacht, dass alle Lehrer ihn mit einem Spitznamen ansprechen. Ich glaube nicht, dass jemand von uns auf die Idee gekommen ist, dass das diskriminierend oder rassistisch sein könnte. Trotzdem ist es irgendwann ein Thema geworden, vielleicht als ich 14 oder 15 war. Ob die Menschen erst zu diesem Zeitpunkt auf die Idee gekommen sind, Alltagsdiskriminierung zu thematisieren oder ob ich früher selbst zu jung war, um mich mit solchen Dingen zu befassen, weiß ich nicht. Mir war auch irgendwie nicht richtig klar, dass Schwule oder Ausländer diskriminiert werden. Ich dachte mir, ich habe kein Problem mit ihnen, deshalb diskriminiere ich nicht. Trotzdem habe ich oft gesagt, etwas sei ’schwul‘, wenn ich es kitschig fand. „Bist du behindert“, war zwischen 16 und 18 einer meiner Standardsätze um Empörung auszudrücken. Meine Schwester und ich haben uns einfach so „Spast“ genant. Warum meine Mutter sich immer darüber geärgert hat, haben wir nicht verstanden. Wie gesagt, ich dachte ich habe kein Problem mit den betroffenen Personengruppen, also wäre es auch nicht schlimm, so etwas zu sagen. 

Die erste richtige Begegnung mit Rassismus hatte ich, als ich mit einem meiner Freunde, der eine dunkle Hautfarbe hat, nach der Schule im Müller etwas zu trinken kaufen wollte. Wir einfach ganz normal an der Kasse standen und auf einmal ein Mann in schwarzen Klamotten zu uns kam und ihn gefragt hat, ob er nicht mal seine Tasche aufmachen könnte. Er hat ganz gelassen seine Tasche aufgemacht, in der natürlich nichts drin war und wir sind gegangen. Auf meine Nachfrage sagte er, dass ihm das öfter passieren würde. Ich war total schockiert von diesem ‚Vorfall‘. Ich wusste, dass Diskriminierung von ‚Schwarzen‘ in den USA ein Problem ist. Mir war nicht klar, dass sowas auch in Deutschland passiert. Das nächste Mal, als ich in so einer ‚Situation‘ war, war erst Jahre später. Ich war mit meiner Schwester Nachts in Leipzig unterwegs. Es war nichts los auf der Straße, deshalb ist sie neben mir auf dem Fahrradweg gelaufen, weil der Bürgersteig zu schmal war. Ich habe von hinten Licht gesehen und mich umgedreht. Auf uns kam ein Fahrradfahrer zu. Instinktiv habe ich sie zu mir auf den Bürgersteig gezogen, damit dieser Platz hat, um an uns vorbei zu fahren. Er fuhr an uns vorbei, hat sich aber noch drei Mal umgedreht und uns angestarrt. Wir haben uns ein bisschen gewundert, aber hatten eher ein wenig Angst vor ihm. Wie die meisten Frauen Nachts Angst vor fremden Männern haben, die sich anders als erwartet verhalten. Als wir in eine andere Straße abgebogen sind, haben wir gesehen, wie er eine Kurve machte, um uns hinterher zu fahren. Er holte uns schnell auf und blieb vor uns stehen. Er fragte uns, ob ich meine Schwester von ihm weggezogen hatte, weil er schwarz sei. Wir waren beide total perplex und haben ihm 1000 Mal versichert, dass wir nur Platz machen wollten. Er war trotzdem total verunsichert, wir haben uns noch kurz unterhalten und dann ist er wieder gefahren. Wir haben tatsächlich bis er vor uns stand nicht einmal bemerkt, welche Hautfarbe er hatte. Trotzdem hat uns diese kurze Unterhaltung ziemlich lange beschäftigt. Der Mann muss so häufig mit rassistischen Äußerungen konfrontiert sein, dass er sich in einer solchen, für mich banalen, Situation fragen musste, ob es vielleicht an seiner Hautfarbe lag. Ob wir Angst vor ihm hätten, weil er schwarz ist. Und das ist genau das, was wir ändern müssen. Wir müssen unseren Kindern beibringen sich so zu verhalten, dass solche Situationen nicht mehr passieren. Ob es die Frau mit Kopftuch ist, der man sofort unterstellt, sie würde kein Deutsch sprechen. Oder ob es zwei Männer sind, die sich küssen, zwei Frauen die Händchen halten. Die Nachbarin, die früher ein Mann war. Der Klassenkamerade, der geistig behindert ist. Unsere Kinder müssen von uns lernen, dass das alles normal ist. Denn jeder Mensch ist anders und es gibt kein Präferenz, keine Herkunft, keine Lebensweise, die es in irgendeiner Art und Weise verdient verurteilt oder benachteiligt zu werden. Ich möchte nicht, dass Karl, sollte er später einmal Männer lieben, das Gefühl hat mir sagen zu müssen, er wäre schwul. Ich möchte, dass er zu mir kommt und sagt ‚Mama, ich möchte dir meinen Freund vorstellen‘. Weil ein Mann, der Frauen liebt ja auch nicht erst dazu sagen muss er sei hetero, bevor er jemandem seine Freundin vorstellt. Ich werde alles unterstützen, was ihn glücklich macht. Er darf sein, wer er sein möchte und soll sich niemals dafür schämen müssen, wer er ist. Und genau das soll er auch an andere weitergeben. Wir sind die Generation, die alles ändern kann. Es liegt in unserer Hand, unsere Kinder zu besseren Menschen zu machen, als wir vielleicht sind. Und es fängt schon mit den kleinen Dingen an. Einem skeptischen Blick, wenn eine dickere Frau ein Eis isst. Die abgeneigte Körperhaltung, wenn der türkisch aussehende Mann nach dem Weg fragt. Wir müssen unsere eigene Haltung zu diskriminierten Gruppen hinterfragen und ehrlich zu uns selbst sein, welche Vorurteile wir haben und ob diese berechtigt sind. Nur weil in den Medien ein bestimmtes Bild von einer bestimmten Gruppe verbreitet wird, heißt es meistens nicht, dass man selbst dieses Bild mit tatsächlich erlebten Situationen bestätigen kann. Es ist in Ordnung, manchmal skeptisch zu sein, das ist menschlich. Aber es geht darum, anderen Menschen die Chance zu geben, zu zeigen, was in ihnen steckt. Und auch zuzugeben, wenn man einen Fehler gemacht hat. Sich zu entschuldigen, falls man sich falsch verhalten und jemandem damit verletzt hat. Karl ist später einmal ein weißer Mann – das derzeit privilegierteste Wesen auf dieser Welt. Er soll lernen, sich für Schwächere stark zu machen und für mehr Gemeinschaft und Gleichberechtigung einzustehen. 

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